Atlas für verschollene Liebende

Nadeem Aslam, Rosetta Stein


Fragen wie Steine

In "Atlas für verschollene Liebende" beschreibt der aus Pakistan stammende und in England lebende Nadeem Aslam das Milieu der Londoner Selbstmordattentäter.

Die meisten Frauen, die ich kenne, selbst die sanftmütigeren unter ihnen, kriegen eine furchtbare Wut, wenn sie an den betenden Psychoterroristen vorbeigehen, die vor der Abtreibungsklinik am Fleischmarkt stehen, an ihren Rosenkränzen nesteln oder Fötenbilder in die Höhe halten. Ich verstehe das, weil ich aber keine persönlichen Erfahrungen mit Abtreibungen habe, wohl aber solche mit religiösen Zwangsvorstellungen (und als Bub schon mal das Seelenheil eines vom Glauben abgefallenen Klassenkameraden retten wollte), tun mir diese Leute auch irgendwie leid: Es muss furchtbar anstrengend sein, andere Seelen vor der ewigen Verdammnis retten zu müssen.

Alles verstehen heißt alles verzeihen. Sagt man. Im richtigen Leben eine schwer zu praktizierende und vermutlich nicht einmal anstrebenswerte Auffassung: Anstatt Tunichtgute, die einem nach Leib und Leben trachten, zu verstehen (schwere Kindheit!), sollte man ihnen zuvor-, zumindest aber entkommen: Macht kaputt, was euch kaputtmacht! Das ist freilich dann besonders schwer, wenn der Gegner nachgerade versessen darauf ist, sein Leben zu verlieren - wenn er nur selber ausgiebig töten kann. In der Literatur hingegen wird der Pragmatismus des Überlebens suspendiert, und man kann auch Mörder verstehen wollen. "Alle großen Künstler wissen, dass ihre Aufgabe auch darin besteht, die Distanz zwischen zwei Menschen zu verringern", heißt es in "Atlas für verschollene Liebende", dem zweiten Roman des 1966 im pakistanischen Gujranwala geborenen Nadeem Aslam.

Aslam hat in England Biochemie und Literatur studiert, und er hat mit "Maps for Lost Lovers", so der Titel des 2004 erschienenen Originals, ein Buch geschrieben, das im Klappentext noch als "die heimliche Vorgeschichte des 11. September" angepriesen wird und nun leider, von der Wirklichkeit zwangsaktualisiert, zur heimlichen Vorgeschichte des 7. Juli wurde. Der Autor lebt in der Nähe von Leeds, er kennt das Milieu, in dem die islamistischen Selbstmordattentäter von London aufgewachsen sind. Sein Roman ist die aufwendige literarische Darstellung dessen, was unter dem Stichwort "Parallelgesellschaft" so schmerzhaft ins Bewusstsein einer sich als "multikulturell" (miss)verstehenden Gesellschaft gehoben wurde.

Wer "Atlas für verschollene Liebende" liest, bekommt einen lebhaften Eindruck von den tektonischen Kräften, die auf die zwischen zwei Kontinenten und Kulturen aufgeriebenen Protagonisten einwirken. Was für die einen Befreiung ist, bedeutet für die anderen Korrumpierung und Verrat. Die dabei entstehenden Bruchlinien aber verlaufen nicht einfach zwischen verschiedenen Ethnien, sondern mitten durch die pakistanische Community, ja einzelne Familien. Die englische Stadt, in der sie leben, wird von ihnen übrigens "Dasht-e-Tanhaii" genannt, was so viel wie "Wildnis der Verlassenheit" oder "Wüste der Einsamkeit" bedeutet. Dass es dort eine "Haltestelle Saddam Hussein" gibt, ist auch kein besonders gutes Zeichen.

Zwischen islamistischer Orthodoxie und westlichem Individualismus wird der familiäre Zusammenhalt zerrieben, wobei auch der stets schon relativ fragil war: Die kommunistischen Überzeugungen von Shamas waren seiner Frau Kaukab ebenso wenig geheuer wie ihm, umgekehrt, ihre rigorose Gläubigkeit, die sich unter anderem darin manifestiert, dass Kaukab dem gemeinsamen Sohn während des Ramadan die Muttermilch verweigert, worauf sie von Shamas dazu geprügelt wird, dem Säugling die Brust zu geben. Mittlerweile sind die beiden ein altes Ehepaar, und die Kinder haben sich, zum Teil verbittert ob der Strenge der Mutter, schon lange nicht blicken lassen. Als Tochter Mah-Jabin Kaukab zur Rede stellt, weil sie als 16-Jährige nach Pakistan zwangsverheiratet wurde, manifestiert sich Wut und Frustration in jäher Gewalt, die bis zum Äußersten zu gehen droht, als die Mutter plötzlich ein Messer in der Hand hält: "Kaukabs Hand stößt hinab, greift wie mit einer Klaue in Mah-Jabins sandiges Haar und schlägt ihren Kopf mit aller Kraft mehrmals gegen die Wand. (...) ,Wie kannst du es wagen, Fragen wie Steine nach mir zu werfen!' Blitze explodieren auf der Klinge - wie Blut, das aus einer Ader spritzt -, als das Messer auf einen Sonnenstrahl trifft. Die Luft scheint sich von Kaukab zurückzuziehen wie ein Schwarm Fische, der sich vor einem Raubfisch in Sicherheit bringt. Die Schüssel, in der sich das Henna befunden hat, fällt zu Boden und dreht sich auf dem Rand wie die silberfarbenen Teile im Blaulicht der Polizeiwagen."

"Atlas für verschollene Liebende" leuchtet die finsteren Winkel der Parallelgesellschaft aus: Shamas Bruder Jugnu und dessen Geliebte Chanda sind seit Monaten verschollen, Chandas Brüder werden des Mordes angeklagt; ein muslimisches Mädchen, das einen hinduistischen Geliebten hat, wird grausam zu Tode exorziert; Shamas selbst wird halb tot geprügelt, weil er erste Nachforschungen über eine Gruppe von Männern anstellt, die in Frauenhäuser oder an andere Orte entflohene Kinder im Auftrag von deren strenggläubigen Eltern kidnappt; der wiederholte Kindesmissbrauch eines islamischen Geistlichen wird vertuscht ...

Harter Stoff, gewiss, aber für Leser, die auf die Literatur eines Bret Easton-Ellis oder Irvine Welsh geeicht sind, auch keine neue Herausforderung. Die will Aslams Roman, der das Leben pakistanischer Einwanderer zwischen Rassismus, Demütigung, Selbstverhärtung und Assimilation aus unterschiedlichen Perspektiven, aber ohne auktorialen Kommentar beschreibt, auch gar nicht darstellen. Irritierend ist denn auch weniger der Inhalt als der Erzählton, der von dem uns vertrauten metaphernscheuen Modernismus doch einigermaßen weit entfernt ist. Was immer auch geschieht, wird in einen poetischen, reich intarsierten Deskriptivismus gebettet, der alle Sinne zu involvieren trachtet und um kühne Vergleiche nie verlegen ist - auch wenn deren ästhetische Triftigkeit und Ökonomie mitunter zweifelhaft ist: "Die Muschel sieht aus wie eine zu einem Drittel geöffnete Orchidee oder Lilie aus Knochen, eine steinerne Vulva, ein vom Regen durchnässtes und aufgerolltes Buch."

Auf seltsam sanfte Weise bleibt so etwas von der Fremdheit einer anderen Kultur bewahrt, ohne gleich zum "Kampf der Kulturen" dramatisiert zu werden. Dass es ganz schön anstrengend sein muss, ein Fundamentalist zu sein, wird dennoch klar.

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2005



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