Die Stimmen von Marrakesch. Elias Canetti liest

Elias Canetti


Die Stimme ist das Sinequanon des Hörbuchs. Viele Verlage holen sich deshalb bedeutende oder nur bekannte Schauspieler an Bord, um Texte bekannter oder weniger bekannter Autoren einzuspielen. Den Mercedes unter den Hörbüchern stellen aber zweifellos die so genannten O-Töne dar. Zur Lust am Text gesellt sich dabei beim Hörer noch die Lust an der (historischen) Autorenstimme.

"Die Stimmen von Marrakesch" (1978), gelesen von Elias Canetti, ist ein solcher Mercedes. Überraschend hoch das Timbre des Autors, weich und doch scharf wie sein Vorbild Karl Kraus, Altwienerisch mit englischen Einsprengseln. Der "Ohrenzeuge" Canetti ist ein blendender Stimmenimitator: Einen arabischen Kamelhändler gibt er ebenso gut wie einen kleinen jüdischen Jungen in einer Thoraschule. Analytisch im Stile von "Masse und Macht" die Beschreibung der "Suks", in der Canetti die westliche "Preismoral" der arabischen Händlermentalität kontrastiert: "In den Suks [] ist der zuerst genannte Preis ein unbegreifliches Rätsel." Canettis Erzählungen neigen, wie die aller Philosophen, zum Moralistisch-Parabelhaften. Allerdings ist diese Moral mit einer genauen Preisangabe versehen.

Moral ist auch das Stichwort, von dem her sich Lyrik und Prosa von Ingeborg Bachmann lesen lässt. Im hörverlag ist jetzt nach dem ersten Gedichtband "Die gestundete Zeit" auch der zweite, "Anrufung des Großen Bären" (1956), erschienen; in O-Ton versteht sich. Die Bachmann ist bekannt als erschütternde Leserin, in deren Stimme sich "alle Brüchigkeit dieser Welt" (Rheinische Post) spiegelt. Doch neben der Brüchigkeit fällt auch Stärke auf, eine Schärfe der Ich- und Fremdbeobachtung, die in der monologischen Erzählung "Undine geht" etwas eindringlich Predigerhaftes annimmt; ohne den erhaben-bildlichen Ton der Lyrikerin, sondern von einer alltäglichen Fleischigkeit, in der bereits alles Wesentliche über das Geschlechterverhältnis verlautet ist. Der Aufnahme sind neben Gedichten aus den Jahren 1956-1961 drei Erzählungen aus dem Band "Das dreißigste Jahr" (1961), die Rede "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" (1959) sowie Teile aus den "Frankfurter Poetikvorlesungen" (1959/60) beigegeben.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 32/2005



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