Schweres Beben

Jonathan Franzen


Abwässer auf Abwegen

Mit seinem Umweltkrimi "Schweres Beben" leuchtet Jonathan Franzen das Mittelstandsamerika bis in den letzten Winkel aus.

Es ist ein leichtes Beben, mit dem Jonathan Franzens Roman "Schweres Beben" beginnt. Immerhin reichen die paar Erdstöße, um gleich einmal Rita Kernaghan ins Jenseits zu befördern. Kernaghan hat es in ihren letzten Lebensjahren mit einigen New-Age-Büchern, darunter dem erfolgreichen Titel "Das Leben beginnt erst mit 60", zu einiger Berühmtheit gebracht. Zu lokaler Größe stieg sie auf, als sie - zum Entsetzen der Nachbarn - auf ihr kleines Häuschen in dem Ort Ipswich eine Pyramide bauen ließ und es in weiterer Folge verstand, dieses völlig unproportionale Ding gegen alle Einwendungen zu verteidigen.

Es ist die Gegend um Boston, und es ist das gegenwärtige Amerika eines seltsam bedrohten weißen Mittelstandes, das Jonathan Franzen bis in die letzten Verästelungen hinein beschreibt, wobei die dort allgegenwärtige rigide Moral so gar nicht zu den Verrücktheiten passt, die sich einzelne leisten. Kirchen und Sekten entwickeln einen Hang zur Gewalttätigkeit: Frauen etwa, die eine Abtreibungsklinik besucht haben, werden beschimpft, bedroht oder über eine mitgebrachte Lautsprecheranlage mit dem Geschrei frischgeborener Säuglinge beschallt.

Das Ziel solcher Angriffe ist die Seismologin Renée Seitchek, die eigentliche Hauptfigur des Buches. Sie übt auf Kernaghans Stiefenkel, Louis Holland, eine immer größere Anziehung aus - eine Attraktion, der sich der Leser des Romans kaum entziehen kann. Tatsächlich fällt es schwer, sich jene Renée Seitchek sehr viel anders als Julia Roberts vorzustellen. In dem Film "Erin Brockovich" kämpft der Hollywoodstar gegen einen umweltverschmutzenden Industriebetrieb. Die Hauptfigur von Franzens Buch tut dasselbe. Sie geht davon aus, dass die im Raum Boston statistisch gesehen viel zu häufig auftretenden Kleinbeben von Menschenhand verursacht sind. Ein chemischer Industriebetrieb soll seine giftigen Abwässer jahrzehntelang in unterste Gesteinsschichten geleitet und diese dadurch gefährlich aufgeweicht haben.

Wie in einem Krimi fügen sich die Beweise zusammen, bis es schlussendlich zu jenem schweren Beben kommt, von dem der Titel des Buches spricht: ein apokalyptisches Szenario mit großräumigen Verseuchungen, Dutzenden Toten und mehr als tausend Verletzten.

Ebenso bedeutsam, wenn nicht gar wichtiger als das vielleicht etwas plakative Schlussbild, das hier nicht vorweggenommen werden soll, sind in Franzens Buch die vielen kleinen Beben, die hier nicht allein die Erde zum Zittern bringen, sondern die einzelnen Bereiche der Gesellschaft erschüttern. Mit wenigen präzisen Strichen gelingt es dem Autor, die feinen Risse sichtbar zu machen: beispielsweise, wenn er die Familienkonstellation der Hollands beschreibt, die Hassliebe zwischen den Geschwistern Louis und Eileen oder die simple Geldgier der Mutter. Auch das Betriebsklima des seismografischen Instituts, an dem Seitchek arbeitet, leuchtet Franzen bis in die hintersten Winkel aus: den Kampf um die Rechenzeiten am zentralen Computer, ein kleines alltägliches Hickhack um Einfluss und Macht, das von außen betrachtet grotesk wirkt wie jeder Büroalltag, dem ein oder anderen aber doch Kopf und Kragen kostet.

Als vor drei Jahren Franzens bester Roman, "Die Korrekturen", auf Deutsch erschien, wurde ihm in den Feuilletons nicht nur ausnehmend viel Lob gestreut, sondern auch die Frage erörtert, welche Art von Literatur das denn nun eigentlich sei. Mit dem Buch "Schweres Beben", das im amerikanischen Original fast ein Jahrzehnt vor den "Korrekturen" erschien, erteilt der Autor dieser Frage rückwirkend eine Antwort: Mit der Postmoderne hat "Schweres Beben" rein gar nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich bei diesem Buch um ein weitgehend unironisches und in manchen Teilen auch etwas breit geratenes Gesellschaftspanorama des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nicht das witzigste Buch über das heutige Amerika, aber ein wichtiges.

Klaus Kastberger in FALTER 32/2005



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