Vor der Reise. Erinnerungen an Bernward Vesper

Henner Voss


(...)

Parallel erinnert sich Henner Voss an die gemeinsame Zeit auf der Buchhändlerschule. 1961 hatten sich Vesper und er dort angefreundet. Es war das erste Mal, dass sich der menschenscheue Großdichterspross dem Einfluss des Vaters entzogen hatte. "Vor der Reise" handelt von der geistigen Öffnung eines nationalkonservativen Kopfes für eine Avantgarde, die auf ihn zu warten schien. Voss hat den Moment rekonstruiert, in dem die seelische Katastrophe des "Doppelt leben" beginnt, und das auch der Germanist Michael Kapellen durch die Lupe seiner Wissenschaftsdisziplin betrachtet. In den "Tübinger Jahren" wächst sich der halbherzige Versuch, dem Patriarchen zu entsagen, zum psychischen Krankheitsherd aus. Der Student will die Seilschaften nicht verlieren, die ehemalige Nazis für den braven Sohn ihres Will bereithalten. Es wird ihn zerreißen, weil er sich nicht für eine von zwei Geborgenheiten entscheiden kann: die kindliche Abhängigkeit von den Eltern und die Liebe zu Gudrun Ensslin.

Martin Droschke in FALTER 31/2005



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