Don't Believe the Hype!. Die meistüberschätzten Platten der Popgeschichte

Sky Nonhoff


Raunz 'n' Roll

In der respektlosen Fibel "Don't Believe the Hype!" reagiert sich der Journalist Sky Nonhoff an Größen der Rockgeschichte ab.

That's All Right"? Als Elvis Presley vor 51 Jahren seine erste Platte besang, war Rock 'n' Roll ein Aufbruch. Inzwischen hat er sich zu einer Kunstform entwickelt, die in Sachen Konservativität bisweilen selbst der Operette um kaum etwas nachsteht. Oder wie es der Popliterat Eckhart Nickel einmal ausgedrückt hat: "Diese Angst, dass alles so bleiben soll, wie es ist - das ist Rock."

An diesem Punkt setzt Sky Nonhoffs provokanter Schmöker "Don't Believe the Hype!" an. Der deutsche Musikkritiker prangert darin zu Recht den rückwärtsgewandten Blick vieler seiner Kollegen an, die die immer gleichen Platten von den Beatles und Beach Boys zu Gipfeln der Rockgeschichte erklären und Listen der "100 wichtigsten Platten" erstellen, die einander wie ein Ei dem anderen gleichen. "Kein jemals gefälltes ästhetisches Urteil wird über die Jahre hinterfragt", erregt sich Nonhoff. "Ab einem bestimmten Stadium der Mythisierung spielt keine Rolle mehr, wie gestrig, antiquiert, unwesentlich oder schlicht albern das Schaffen eines Künstlers aus heutiger Sicht anmuten mag."

Also machte sich der Münchner Schreiber mit Punkhintergrund daran, gemeinhin als Meisterwerke anerkannte Platten kritisch zu hinterfragen. Wobei "mit dem Vorschlaghammer bearbeiten" der passendere Ausdruck wäre. Nonhoff ist ein Mann fürs Grobe, der selbst an verdienten Größen wie Nick Cave ("über die Jahre zu einer Art Gothic-Ausgabe von Norah Jones geworden") oder Brian Wilson (wer dessen "Smile" gut fände, sei ein "noch ärmerer Irrer als Wilson selbst") kein gutes Haar lässt.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Nonhoffs respektlose Verrisse teilweise Spaß machen. Jeder Leser wird auf Künstler stoßen, für deren angeblich so geniale Werke er sich nie begeistern konnte. Endlich einmal schwarz auf weiß gedruckt sehen, was man selbst nicht laut auszusprechen wagte: Vom Charme des Unzensierten lebt Nonhoffs Unternehmung.

Geschmackssicher ist das Buch allerdings nicht. Auf pfiffige Formulierungen - über die Musik von U2 etwa heißt es: "gemacht für eine Kundschaft, die ohne Emotionsverstärker nichts mehr fühlen kann" - folgt oft ein Griff ins Klo wie die Beschimpfung von Bono & Co als "humorlose Pfeifen" und "Überwichser". Generell kann einem die Arroganz, mit der Nonhoff seine Standpunkte vorträgt, ziemlich auf den Geist gehen. Zudem stellt sich mit Fortdauer der Lektüre die Frage, ob es überhaupt Musik gibt, die die kritischen Ohren des Autors nicht beleidigt. Bruce Springsteen ist für diesen Mann ein Kommerzheini, Neil Youngs Musik gekennzeichnet von "ambitiöser Weinerlichkeit" und Bob Dylans "Blood on the Tracks" ein "konventionelles, lausig eingespieltes Songwriter-Album".

Ganz am Ende lässt Nonhoff dann durchschimmern, was er unter guter Musik versteht. Und siehe da: Seine Empfehlungen für einen Alternativkanon bestehen überwiegend aus obskuren Platten für ein Minipublikum, die dem gemeinen Musikfreund implizit zu verstehen geben, wie unwissend er ist. So bekommt das Lachen über dieses an sich löbliche Buch einen schalen Beigeschmack.

Sebastian Fasthuber in FALTER 31/2005



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