Der Zitronentisch. Erzählungen

Julian Barnes


"Niemand glaubt Blair"

Der englische Schriftsteller Julian Barnes wird dieser Tage mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Mit dem "Falter" sprach er über die Alte Welt und das Altern, über Blair, Beckham und die Bombenanschläge auf London sowie über seinen jüngsten Erzählband.

Julian Barnes, 59, verkörpert den guten Briten. Also alles das, was nicht mit Hooliganismus, Kampftrinken, Fuchsjagd und isolationistischer Engstirnigkeit zu tun hat. Barnes ist der lebende Beweis dafür, dass England doch in Europa liegt. Der Roman, der ihn berühmt gemacht hat, "Flauberts Papagei" (1984, deutsch 1987), ist der beste Beleg dafür: eine kluge, witzige, aber auch anrührende Reflexion über das Werk des französischen Romanciers, über den Zusammenhang von Biografie und Schreiben sowie über betrogene Ehemänner. Barnes' Frankophilie manifestierte sich danach unter anderem auch in den Erzählungen "Dover - Calais" (1996) oder dem Essayband "Tour de France" (2002/2003). Zu den bekanntesten Werken Barnes' zählen darüber hinaus noch die Dreiecks-Fortsetzungsromane "Darüber reden" (1991/1992) und "Liebe usw." (2000/2002) sowie "Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln" (1989/1990). Außerdem hat Barnes in den Achtzigerjahren unter dem Pseudonym Dan Kavanagh vier Kriminalromane rund um einen bisexuellen Expolizisten geschrieben.

Während Barnes' jüngster Roman "Arthur & George" - es geht um einen berühmten Justizfall, in dem Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle involviert war - soeben im englischen Original herausgekommen ist, erscheint auf Deutsch nun "Der Zitronentisch" (2004), dessen elf in verschiedenen Regionen und Epochen spielende Erzählungen ein gemeinsames Thema haben: Alter und Tod. Kiepenheuer & Witsch hat die Veröffentlichung des Buches übrigens vorgezogen, weil Barnes am 9. August mit dem seit 1965 vergebenen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wird, den zuletzt António Lobo Antunes, Umberto Eco und Christoph Hein erhielten.

Falter: Der Preis, der Ihnen dieser Tage verliehen wird, ist per definitionem ein Preis für europäische Literatur. Abgesehen von Ihren bekannten Verdiensten um den Kulturtransfer über den Ärmelkanal: Was macht Sie zum europäischen Autor?

Julian Barnes: Nun, ich habe mir den Preis ja nicht selbst verliehen, insofern fragen Sie ein bisschen den Falschen. Meine Literatur spielt jedenfalls oft in Europa - natürlich hauptsächlich in Frankreich, aber auch in Bulgarien, Schweden, Russland, Finnland, der Türkei. Außerdem fühle ich mich, im Unterschied zu einigen britischen Schriftstellern, viel stärker zur europäischen Literatur - und Kultur überhaupt - hingezogen als zu ihrem amerikanischen Äquivalent. Meine Bezugspunkte sind mindestens so sehr europäisch wie britisch: Flaubert bedeutet mir mehr als Dickens, Turgenjew mehr als Trollope - und so weiter. Aber ich denke doch, dass ich ein sehr britischer Schriftsteller bin. Als man mich in Frankreich zum ersten Mal zu meinem Werk befragt hat, habe ich gelegentlich angedeutet, ich könnte vielleicht ein bisschen "kontinental" sein. Aber die Antwort war immer: "Oh nein, Sie sind durch und durch britisch, und das ist auch der Grund, warum wir Sie mögen." Ich überlasse die Lösung dieses Rätsels also anderen.

Wenn Sie eingeladen würden, eine Gruppe von, sagen wir, zehn europäischen Schriftstellern, egal ob tot oder lebendig, für eine Vorlesungstour auf einem anderen Kontinent zusammenzustellen, welche würden Sie aussuchen?

Ich würde überhaupt keinem Schriftsteller raten, Vorträge zu halten, und ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendjemand raten würde, den Vortrag eines Schriftstellers zu besuchen. Schriftsteller sollen schreiben, und Leser sollen lesen, und so etwas wie Biografie sollte es überhaupt nicht geben. Aber um Ihr Spiel einen Augenblick mitzuspielen: Ich würde Lord Byron nominieren, Turgenjew, Edith Wharton, Montaigne, Fontane, Cervantes, Flaubert, Dante, Jane Austen, Tschechow und Flaubert. Und natürlich würde Shakespeare im Tor stehen.

In Ihrem Erzählband "Dover - Calais" haben Sie sich mit dem nicht ganz unkomplizierten und -problematischen Verhältnis zwischen Frankreich und Großbritannien beschäftigt. In einem Gespräch, das wir 1996 geführt haben, meinten Sie, dass der Kanaltunnel an der herrschenden Antipathie zwischen den beiden Nationen nicht wirklich etwas geändert hätte. Wie denken Sie heute, ein knappes Jahrzehnt später, darüber?

Dass die Antipathie bestehen bleibt. Und die gängige Meinung, Großbritannien sei ein bisschen stärker, Frankreich ein bisschen schwächer geworden, ist auch nicht gerade hilfreich. Die britische Boulevardpresse etwa triumphiert angesichts des französischen "Non" - als ob die Franzosen mit ihrem Votum gegen Chirac die britische Alternative des freien Marktes unterstützen würden. Für die Franzosen sind wir nach wie vor verdächtige Nachbarn, schlechte Europäer und den USA gegenüber zu unterwürfig. Zum Glück hat das keinen Einfluss auf die persönlichen und kulturellen Beziehungen: Die Briten schöpfen noch immer aus einem reichen Vorrat an Frankophilie, und die französische Kultur ist entgegenkommend wie eh und je.

Großbritannien wird nach wie vor als isolationistische Nation betrachtet, die zwar gerne die ökonomischen Vorteile des freien Waren-, Geld- und Personenverkehrs teilt, der europäischen Integration aber nach wie vor skeptisch gegenübersteht. Glauben Sie, dass die Briten in den letzten Jahren "europäischer" geworden sind?

Ich fürchte, das ist weder psychologisch noch im Hinblick auf das Wahlverhalten der Fall. Wenn es eine Abstimmung über die Verfassung gegeben hätte - die uns durch das Nein Frankreichs und der Niederlande erspart geblieben ist -, hätte man sich massiv dagegen ausgesprochen. Vor Jahren hat Finanzminister Gordon Brown eine Reihe von Prüfungen angekündigt, die bestanden werden müssten, bevor wir dem Euro beitreten könnten. Inzwischen hat jeder längst vergessen, welche das waren, so wie seinerzeit jeder davon ausgegangen ist, dass sie bewusst als unerfüllbar konzipiert worden waren. Das Problem liegt zum Teil in der britischen Engstirnigkeit, aber auch darin, dass nur ganz, ganz wenige Politiker - Premierminister Edward Heath war eine Ausnahme - Europa als ein idealistisches Projekt präsentiert und es stattdessen immer für innenpolitische Zwecke missbraucht haben. Blair hat ein gewisses Gespür für europäische Belange, aber er ist zu sehr politischer Realist und Erbe der Thatcher'schen Politik, als dass er versuchen würde, die öffentliche Wahrnehmung wirklich zu ändern.

Als London am 7. Juli von den lange befürchteten Terroranschlägen getroffen wurde, hat es darauf mit ziemlich bewundernswerter Ungebrochenheit und einer "Wir lassen uns nicht unterkriegen"-Mentalität reagiert. Ist das nach der zweiten Terrorwelle noch immer so?

Das gab es tatsächlich, aber es gab auch Angst und Panik. Sobald es Zweifel gibt, bedient man sich diverser Klischees: stiff upper lip, the Blitz spirit und so weiter. Das sind britische Stereotypien, die einen wahren Kern enthalten. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass dich die Behörden im Falle einer ernsten Krise zuerst einmal anlügen. Außerdem gehen sie davon aus, dass die Öffentlichkeit in Panik ausbricht. Nachdem die Attacken auf die U-Bahn stattgefunden hatten, war zum Beispiel offiziell für eine oder zwei Stunden von einem "Spannungsstoß" die Rede - eine Erklärung, die, soweit ich das verstehe, technisch unmöglich ist, da drei verschiedene Netze betroffen waren. Das können sie das nächste Mal, wenn es denn ein nächstes Mal gibt, nicht mehr erzählen. Seit den Terrorattacken bin ich ein paarmal mit der U-Bahn gefahren und würde sagen, dass die Stimmung von großer Angst geprägt ist und das auch so bleiben wird. Leute mit "arabischem Aussehen" werden skeptisch beobachtet. Außerdem lächeln sich die Menschen öfter an, was für mich eine Art primitiver Selbstverteidigung darstellt: Ich lächle ihn an, er lächelt zurück - er wird mich nicht töten.

Tony Blair hatte es eilig zu erklären, dass die Anschläge nichts mit dem Irakkrieg zu tun hatten. Hat das irgendwer geglaubt? Hat sich Blair selbst geglaubt? Oder ist er der Heuchler, für den ihn viele halten?

Ich kenne niemanden, der Blair glaubt. Für mich versteht es sich von selbst, dass es irgendeinen Zusammenhang gibt. Um es in den Worten Bin Ladens zu sagen: "Wir schlagen nicht in Schweden zu." Wie unmittelbar der Zusammenhang ist? Wir kennen die genauen Motive der Selbstmordattentäter nicht. Und der Umstand, dass es Briten waren, macht die Sache noch komplizierter. Ich vermute, Blair glaubt wirklich, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Anschlägen und dem Irakkrieg gibt. Schon allein deswegen, weil es einem politischen Selbstmord gleichkäme, das zuzugeben - schließlich würde er damit eine gewisse Mitverantwortung für die Toten von London tragen. Genauso hat er aufrichtig daran geglaubt, der Irak würde über Massenvernichtungswaffen verfügen, er hat noch lange Zeit nach dem Einmarsch daran geglaubt, dass man diese finden würde, und er glaubt aufrichtig daran, dass sich der Irak in Richtung Demokratie und Stabilität bewegt. Ob ein Politiker aufrichtig oder verlogen ist, interessiert mich nicht besonders - einige der schlimmsten Massenmörder waren ziemlich aufrichtig; was mich stört, sind ihre Taten.

Ihre "Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln" ist so etwas wie eine literarische Variation auf das Thema von Selektion und Diskriminierung. Welche Geschichten würden Ihnen einfallen, wenn Sie diese heute auf 11 1/2 oder 12 1/2 Kapitel ausweiten müssten?

Ich hatte die Idee, eine überarbeitete Neuausgabe von "Flauberts Papagei" herauszugeben, nachdem Material aufgetaucht ist, das dem Erzähler 1984 noch nicht zugänglich war. Aber je mehr ich darüber nachdachte, umso weniger verlockend fand ich es. Von Henry James bis John Fowles haben Schriftsteller immer wieder in späteren Jahren ihr Werk überarbeitet. Ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist. Ein Buch kann nur zu einer bestimmten Zeit im Leben eines Schriftstellers geschrieben werden. Es scheint mir ein Irrweg, dem später mehr hinzufügen zu wollen. Was auch? Mehr "Stil"? Mehr "Weisheit"? Ich würde meine "Geschichte" also nicht erweitern wollen; nicht zuletzt deswegen, weil ich der Auffassung bin, dass die Ereignisse der letzten 15 Jahre eine Verbesserung der zentralen Themen gar nicht notwendig machen.

Es gibt dieses Bonmot (jedenfalls mir) unbekannter Herkunft, demzufolge es in der Literatur nur die drei großen Themen Liebe, Tod und Hunger gibt - wobei man zur Not auch eines weglassen könne. Würden Sie dem zustimmen?

Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Hunger? Das ist eine Überraschung! Wie wäre es, Gott, Kunst, Geschichte oder Snooker hinzuzufügen? Wie auch immer - mir ist dieser Reduktionismus verdächtig. Es gibt ja auch Leute, die behaupten, dass es in der ganzen Literatur nur sieben - oder fünf? acht? - Plots gibt. Ich würde eher die Vielfalt feiern und die Anzahl erhöhen.

Sie haben, was die literarische Antizipation des Alters anbelangt, einiges geleistet. Wie kommt das? Und: Hilft es beim tatsächlichen Altern?

Ich würde nicht von Antizipation, sondern schlicht von Beschreibung sprechen. Vermutlich schreibe ich bevorzugt eher über ältere Menschen als über junge, weil sie mehr Lebenserfahrung haben und deswegen komplexere Charaktere sind. Ich habe jedenfalls - im "Zitronentisch" - nicht aus persönlichen oder therapeutischen Gründen übers Altern geschrieben. Ich habe mir nicht gedacht: "Oh, ich schreib das jetzt mal, dann brauch ich mir keine Sorgen darum zu machen." Ich glaube, es gibt überhaupt keinen lebenden Romancier, der das Verfassen von Literatur für therapeutisch effektiv hält. Vielleicht funktioniert es beim Leser, aber das ist eine andere Sache.

In "Eine kurze Geschichte des Haareschneidens" behandeln Sie das oben erwähnte Thema, indem Sie davon erzählen, wie ein sehr junger, dann junger und schließlich nicht mehr so junger Mann zum Friseur geht. Wird wenigstens das Haareschneiden besser?

Der englische Poet John Betjeman wurde im Alter gefragt, ob er dächte, dass sich irgendetwas im Laufe seines Lebens verbessert hätte. Er hat lange nachgedacht und schließlich geantwortet: "Die Zahnmedizin."

Bleiben wir stattdessen doch noch etwas bei den Haaren: Mit David Beckham verfügt Großbritannien über die Ikone haarbewusster Metrosexualität. Ist das etwas, was die saufende, homophobe "lad culture" ändern oder zumindest mildern könnte?

Ach, hören Sie mir bloß mit David Beckham auf! Zunächst einmal ist er ein Fußballer, der über ein unglaubliches Talent zu verfügen pflegte, sich aber nie voll entfaltet hat. Er gewinnt keine Zweikämpfe, hat seinen Rhythmus verloren und verwendet nicht einmal mehr seinen linken Fuß. Stattdessen hat er sich vollständig und zur eigenen Zufriedenheit zu einem Markennamen und einer Geldmaschine entwickelt - im eigenen und im Interesse anderer. Warum glauben Sie, dass Real Madrid ihn gekauft hat? Um sich einen Anteil an den Merchandisingrechten zu sichern. Ist er ein gutes Vorbild für die Jugend? Nein, und zwar deshalb nicht, weil er meine Romane nicht liest.

In der Erzählung "Aufleben" zitieren Sie Turgenjew: "Ab dem Alter von vierzig Jahren lässt sich das Grundprinzip des Lebens mit einem einzigen Begriff zusammenfassen: Entsagung." Sie haben zum Abschluss nicht vielleicht ein Wort des Trostes für mich?

Ich fürchte, es ist nicht die Aufgabe eines Schriftstellers, dem Interviewer Trost zu spenden. Erinnern Sie sich an George Sands Vorwurf gegenüber Flaubert - "Mein Werk spendet Trost, Ihres Trostlosigkeit" - und an Flauberts Antwort: "Ich kann meine Augen nicht austauschen." Aber ich glaube, dass man Trost in der perfekten künstlerischen Darstellung von Trostlosigkeit finden kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 31/2005



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