Karl Amadeus Hartmann. Komponist im Widerstreit

Ulrich Dibelius


Schüler des Gespenstes

Bewegtes Leben, bewegende Musik: Zum 100. Geburtstag des Komponisten Karl Amadeus Hartmann ist eine Werkbiografie erschienen.

Im November 1942 besuchen Anton Webern und sein Privatschüler anlässlich eines Musikfestes die Wiener Staatsoper. Viel Prominenz und Kollegenschaft sind anwesend, Reichsstatthalter Baldur von Schirach bittet zum Empfang - Webern, der "Entartete", wird ignoriert. "Stell dir einmal vor, ein zeitgenössisches Musikfest in Wien ohne Schönberg, Berg und Webern", berichtet der Schüler in einem Brief an seine Frau. "Eine Veranstaltung, in der Webern leibhaftig, doch wie ein Gespenst umgeht, das keiner sieht und keiner kennt."

Der damals 37-jährige Webern-Schüler war Karl Amadeus Hartmann. Mitten im Krieg war der bayerische Komponist nach Maria Enzersdorf gekommen, um bei dem verfemten Protagonisten der Zweiten Wiener Schule Privatstunden zu nehmen. Von der Zwölftontechnik lässt sich der selbst als "entartet" eingestufte Hartmann dabei nicht beeinflussen. Doch in der "entsetzlichen Leere der inneren Emigration", in der "eigenen Hoffnungslosigkeit" gegenüber der "absoluten geistigen Leere im Land" hatte er in Webern einen "Gleichgesinnten als Lehrer und Freund" gefunden.

Am 2. August 1905 wurde Karl Amadeus Hartmann als Sohn einer humanistisch und politisch links orientierten Familie in München geboren. Wohl auch aufgrund dieser Herkunft war es ihm wie kaum einem anderen Musiker gelungen, innerhalb des Dritten Reiches seine Integrität zu wahren. Einem Aufführungsverbot kam er durch Verzicht auf Konzerte in Deutschland zuvor; auch im Ausland war er ab 1940 nicht mehr zu hören. Als Enfant terrible der Münchner Musikszene hatte er in den wilden Zwanzigern Futurismus, Dada, Jazz und andere, jeweils neueste Strömungen kombiniert. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 legte der junge Komponist seine vielversprechend begonnene Karriere für zwölf Jahre auf Eis und komponierte nur noch für die Schublade.

Sein Stil aber hatte sich radikal geändert. Im inneren Exil folgte Hartmann dem Bedürfnis, mit seiner Musik das eigene Erleben der Terrorherrschaft zu schildern und zugleich ein humanistisches Bekenntnis abzulegen. So entstanden meist großformatige, pathetische Werke in der sinfonischen Tradition Gustav Mahlers und Alban Bergs: der "Versuch eines Requiems" (1937) nach Texten von Walt Whitman, das "Concerto funèbre" als Reaktion auf den deutschen Einmarsch in Polen (1939).

Nach dem Krieg spielte Hartmann bis zu seinem frühen Tod 1963 als Leiter des Münchner Festivals musica viva eine zentrale Rolle beim musikalischen Neuaufbau. Seine eigene, noch nie erklungene Musik arbeitete er um und passte ihren Ausdruck der neuen Situation an: Er nahm ihr das zeitgebundene Pathos, ohne dabei die so typischen schroffen Gegensätze zwischen trauernden Adagio- und bisweilen derb vitalen Scherzosätzen zu verlieren.

Als "Komponist im Widerstreit" wird Hartmann im Untertitel eines neuen Sammelbandes treffend gekennzeichnet. Zwölf Autoren, darunter Hartmut Lück, Hanns-Werner Heister und Herausgeber Ulrich Dibelius, gehen in dieser Werkbiografie auf einzelne, mitunter musikologisch eng gefasste Themen wie Früh- und Spätwerk, Gattungsverständnis oder sinfonische Entwicklung ein. Aber auch die politischen Hintergründe werden beleuchtet, und das nicht immer unproblematische Verhältnis Hartmanns zu seinen während der NS-Zeit erfolgreichen Münchner Kollegen Carl Orff und Werner Egk.

In Auszügen aus seinen "Kleinen Schriften" kommt auch der Komponist selbst zu Wort, zudem schildern Hartmanns Witwe und sein Sohn ihre persönlichen Erinnerungen. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags ist damit die erste umfassende Darstellung des bewegten Lebens von Karl Amadeus Hartmann und seiner bewegenden Musik erschienen.

Carsten Fastner in FALTER 30/2005



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