Gesammelte Werke in neun Bänden. Band 7: Auf Reisen 4

Cees Nooteboom, Susanne Schaber


"Das Paradies ist nebenan", so hieß ursprünglich der deutsche Titel von Cees Nootebooms Debütroman "Philip en de anderen" nach einem Zitat aus dem Buch. Und: "Ich habe einen Blick hineingeworfen." Das ist mittlerweile fast ein halbes Jahrhundert her. "Paradies verloren", der Titel von Nootebooms jüngstem Roman, legt nahe, dass ihm, so wie John Milton in seinem Versepos gleichen Titels, diese Einsicht womöglich verloren gegangen ist. Von der Resignation eines alternden Dichters ist allerdings auf den knapp 160 Seiten wenig zu spüren, deren rätselhafte Schlüsselperson eine junge deutschstämmige Frau aus São Paulo ist. Nachdem Alma Opfer einer Vergewaltigung wurde, beschließt sie mit ihrer Freundin, einen Jugendtraum wahr zu machen und nach Australien zu reisen. Ihr imaginiertes Paradies zeigt sich allerdings nur schwer zugänglich - trotz einer irgendwie befreienden Affäre, die Alma mit einem Aborigine hat. Aus ganz anderer Perspektive ist dann die zweite, bessere Hälfte des Romans erzählt: Der niederländische Literaturkritiker Erik Zondag begibt sich auf Kur nach Igls bei Innsbruck und trifft dort Alma, die mittlerweile als Masseurin arbeitet. Und: Die beiden kennen sich, denn Zondag hat sich einige Jahre zuvor in sie verliebt, als sie bei einem ungewöhnlichen Theaterprojekt in Australien einen Engel spielte. Einmal mehr erweist sich Cees Nooteboom auch in "Paradies verloren" als lakonischer Erzähler, der für die kleinen Dinge des Alltags ebenso treffende Worte findet wie für die großen Dinge des Lebens. Und der sich als Kartograf menschlicher Gefühlswelten in den Abgründen der Sehnsucht und der Liebe ebenso gut auskennt wie in abgelegenen Gegenden Australiens.

PS: Wer mehr vom Reisepublizisten Nooteboom lesen möchte, hat dazu seit kurzem reichlich Gelegenheit. Aus Anlass seines siebzigsten Geburtstags wurden sämtliche seiner Reisereportagen für seine "Gesammelten Werke" übersetzt. Band sechs, der dritte der vier Teilbände von "Auf Reisen", führt zwar nicht nach Igls, aber dafür unter anderem auch ins australische Outback.

Klaus Taschwer in FALTER 30/2005



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