Saturday

Ian McEwan, Bernhard Robben


Glück ist okay

Ian McEwans "Saturday" zeigt einen Tag im Leben eines Londoner Neurochirurgen während der großen Friedensdemo vom 15. Februar 2003.

Der englische Schriftsteller Ian McEwan scheint in letzter Zeit ein wenig zu initialen Flugkatastrophen zu neigen: War es in "Enduring Love" ("Liebeswahn") ein letaler Ballonunfall, in dessen Gefolge Leben und Ehe des Protagonisten einer harten Belastungsprobe ausgesetzt wurden, so beginnt "Saturday", McEwans jüngster Roman, damit, dass der 48-jährige Neurochirurg Henry Perowne in den frühen Morgenstunden aus dem Fenster seiner Londoner Wohnung blickt und am Horizont einen Lichtschein wahrnimmt, den er zunächst als Meteor, dann als Komet deutet, schließlich aber entsetzt als brennendes Flugzeug identifiziert: "Der feurig weiße Kern und der farbige Schweif sind weiter angeschwollen - kein Passagier kann im Mittelteil der Maschine noch leben. Auch dies ein vertrautes Element - das Grauen, das er nicht sehen kann. Aus sicherer Entfernung beobachtete Katastrophen. Dem vielfachen Tod zuschauen, aber niemanden sterben sehen. Kein Blut, keine Schreie, überhaupt keine menschlichen Gestalten, nur die willfährige, in die Leere entlassene Fantasie."

McEwan ist ein Meister solcher raffiniert rhythmisierter Einstiegsszenarien, ein Meister unheilschwangerer Ankündigungen. Die mentale Bewegung, mit der Perowne das beobachtete Geschehen zu sich heranzoomt, nimmt die Bewegung des ganzen Romans vorweg und verweist auf jene Themen, die McEwans Schaffen beharrlich umkreisen: der Einbruch der Katastrophe ins eigene Leben; das jähe Ende der Möglichkeit, die Position des distanzierten Beobachters aufrechtzuerhalten und Nichthandeln als Option zu begreifen.

"It's not an if, it's a when" ("Es geht nicht ums Wenn, sondern ums Wann"), lautet der viel zitierte Satz, mit dem London mit pragmatischer Gelassenheit den Terrorattacken entgegensah, die dann tatsächlich schreckliche Wirklichkeit wurden. Vor diesem politischen und psychologischen Hintergrund muss man auch McEwans jüngsten Roman lesen. Am 8. Juli 2005 veröffentlichte der Guardian einen Artikel des Autors, in dem dieser "die Stimmung in den Straßen" unmittelbar nach dem Anschlag als eine der "stumpfen Hinnahme und seltsamen Ruhe" beschrieb, um dann einzugestehen, dass London zwar nicht grundlegend verändert, aber doch schwer erschüttert worden sei: "Wir sind gewaltsam aus einem angenehmen Traum geweckt worden. Die Stadt wird die Freude und das Vertrauen, die am Mittwoch herrschte, für sehr lange Zeit nicht wieder gewinnen."

"Saturday" (was sich - im Unterschied zu "Enduring Love" - ohne große Verluste an Nuancen und Doppeldeutigkeiten ins Deutsche übersetzen hätte lassen) spielt am Samstag, dem 15. Februar 2003, als Hunderttausende für den Frieden demonstrieren und Perowne auf dem Weg zum Squash ist: "Ta-tam, ta-tam, ta-tam, greift den Irak nicht an. Schief und verwegen hängen noch nicht im Einsatz befindliche Plakate über den Schultern. Nicht in meinem Namen geht Dutzende Male vorbei. Diese abstoßende Selbsteingenommenheit suggeriert eine strahlend neue Protestwelt, in der mäkelige Konsumenten von Shampoo und Soft-Drinks erwarten, sich gut und zufrieden zu fühlen. Henry ist das lässige Schluss damit lieber."

Perowne verliert seine Squashpartie, die um nichts weniger akribisch geschildert wird als diverse neurochirurgische Eingriffe, hat davor aber noch einen harmlosen Autounfall, der jedoch dramatische Folgen zeitigt, da der Lenker des anderen Wagens offenbar kriminell ist und darüber hinaus auch noch unter der emotional destabilisierenden Chorea-Huntington-Krankheit leidet.

Außergewöhnlich an "Saturday" ist, dass der Roman auf jegliche Entlarvungshaltung verzichtet: Henry Perowne ist treuer Ehegatte und stolzer Vater zweier prächtig geratener Kinder - und: Das ist gut so. Der Roman erzählt von diesem Familienglück, ohne es schon deswegen billig zu verachten, weil es materiell gut abgepolstert ist. Prekär bleibt es allemal. "Lieber Einkaufen als Beten", heißt es an einer Stelle - weniger trotzig als ganz pragmatisch. McEwan ist kein Autor, der ein schlechtes Gewissen auch schon mit moralischer Überlegenheit und Elendsgeneigtheit mit Tiefsinn verwechselt. Das ist das Glück des Lesers.

Klaus Nüchtern in FALTER 30/2005



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