Mein Lieblingslied. Songs & Storys

Susanne Halbleib, George Lindt


Der deutsche Musiker, Autor und Journalist Thomas Meinecke ist eine echte Einserbank in Sachen Popkultur; oft genügt ein Stichwort, und die Assoziations-, Reflexions- und Anekdotenmaschine wird bei ihm angeworfen. In "Plattenspieler" spricht Meinecke mit dem DJ und Journalisten Klaus Walter und dem Schriftsteller und Musiker Frank Witzel - alle drei Jahrgang 1955 - anhand der eigenen Biografien als Musikhörer und -fans über die sozialisierende Wirkung bestimmter Platten, die Funktion von Pop als Spiegel politischer Ereignisse, falsche Helden, echten Glam und gemachte Männlichkeit, Drogen, Sex, Roxy Music, Techno und die RAF und darüber, warum Meineckes Eltern ihn durch Henry Miller zwar sehr früh über sexuelle Ausschweifungen aufklärten, Politik aber zumindest so lange tabu war, bis der junge Thomas am 1. Juni 1967 in Hamburg zufällig dem Schah begegnete. Aus dem Individuellen heraus entsteht so eine ganz spezifische Form von Geschichtsschreibung, wobei man nicht unbedingt männlich und musikfanatisch sein muss, um dieses Buch zu mögen - hilfreich ist es allerdings schon.

"Mein Lieblingslied" funktioniert ganz anders, obwohl es auch hier um subjektive Blicke auf Popmusik geht. Entstanden im Umfeld des für themenspezifische CD-Sampler bekannten Berliner Labels Lieblingslied Records versammelt das Buch Beiträge diverser deutscher Musikerinnen und Musiker sowie Autorinnen und Autoren, die großteils sehr kurzweilig über ihr Lieblingslied schreiben (einige davon sind auf der beiliegenden CD nachzuhören). Sehr persönliche Erzählungen stehen neben mehr oder weniger fiktiven Kurzgeschichten; pseudo-popjournalistische Analysen sind glücklicherweise selten. Dafür erfährt man unter anderem, wie sich Wir-sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes in John Cales Interpretation von Leonard Cohens "Hallelujah" verliebte, wie Elvis Costellos "I Want You" Daniel Bielensteins Beziehung rettete und warum ein Konzert der Jon Spencer Blues Explosion für Jenni Zylka einst aufregender als eine Sexorgie war.

Gerhard Stöger in FALTER 29/2005



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