Unsere Popmoderne. oder Das Beste aus schlechten Büchern

Marc Degens


Dass Markus Binder ein Mann des Wortes ist, hat er in der Vergangenheit bereits mit seinen sprachspielerischen Lyrics als Vokalist des Duos Attwenger unter Beweis gestellt. Jetzt legt der Linzer sein erstes Buch vor. "Testsiegerstraße" entpuppt sich als Sammelsurium kurzer und sehr kurzer, eigener und angeeigneter Texte. Angeeigneter deshalb, weil es bis zur Seite 39 braucht, ehe Binder selber tätig wird, den Platz davor bestreitet er mit einem ausgiebigen Zitateprolog. Der Raum ist freilich nicht verschwendet, gruppieren sich hier doch Lieblinge des Autors zu einem aufschlussreichen, für den Leser höchst vergnüglichen Referenzreigen. Es sprechen in eigenen Worten: Helden der Postmoderne (Don DeLillo, Terry Eagleton), Popliteraten (Bret Easton Ellis, Alexander v. Schönburg), Denker (Adorno, Marx) und Weise (Karl Farkas, Ernst Happel). Binders eigene Texte haben es da naturgemäß nicht ganz leicht, gerade das Kapitel "Very Short Stories" mit seinen kaum mehr als fünf Zeilen langen, halbskurrilen Beobachtungen muss gegen die geballte Vorrednerschaft baden gehen. Dabei kann der Autor im Zweifelsfall sehr genau beobachten und auch etwas sehen, wie andere Fiktionen sowie Erinnerungsschnipsel von Attwenger-Tourneen beweisen; dann nämlich, wenn er - Minimalismus, gut und schön - einem Text zumindest ein, zwei Seiten einräumt und diesen einen eigenen sprachlichen Groove entfalten lässt.
Ebenfalls zur kurzen Form neigt der deutsche Kollege Marc Degens, der die Ränder der literarischen Popkultur beackert. "Unsere Popmoderne oder Das Beste aus schlechten Büchern" heißt sein neues Bändchen. Der Witz daran: Degens tut so, als würde er als Herausgeber die spärlichen Highlights aus Popromanen weniger bekannter Cousins von Stuckrad-Barre & Co präsentieren, in Wahrheit aber hat er sowohl die Autoren als auch ihre Texte dreist erfunden. Täuschend echt, muss man zugestehen, wenn etwa aus dem DJ-Apologeten Ulf Poschardt ein Michael Marquardt wird, dessen Literatur sich wiederum wie eine Parodie auf Rainald Goetz' Raveekstasen liest. Mitunter zwar arg trainspotterisch, das, dafür aber auch hochkomisch.

Sebastian Fasthuber in FALTER 28/2005



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