Elias Canetti - Bilder aus seinem Leben

Kristian Wachinger


Zeig der Welt die Zunge

Verängstigtes Kind, Don Juan, Theoretiker der Macht und Unsterblichkeitsfanatiker: Vor hundert Jahren wurde der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti geboren. Ein Rückblick.

Seine früheste Erinnerung war in Rot getaucht: Der am 25. Juli 1905 im bulgarischen Rutschuk, am Unterlauf der Donau, in eine sephardisch-jüdische Familie geborene Elias Canetti ist gerade zwei Jahre alt. Die Kaufmannsfamilie verbringt ihren Urlaub gutbürgerlich in Karlsbad, standesgemäß wird das Kind von einem Dienstmädchen betreut, dessen Verehrer mit einem Taschenmesser in der Hand scherzte: "Zeig die Zunge, ich schneide sie ab."

Der nicht näher erklärte Triumph des Kindes über die überstandene Drohung gab dem ersten Band der ab den Siebzigerjahren entstehenden dreibändigen Autobiografie den Titel: "Die gerettete Zunge". Zudem versammelt das Bild zentrale Motive aus Canettis Gesamtwerk. In einer bewusst konventionellen, fast klassizistischen Sprache werden Sinnlichkeit, Angst, Bürgerwelt und archaischer Exotismus ineinander verschränkt und zu einer kecken Geste überhöht, deren Anspruch nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Canetti zeigt der Welt retrospektiv die Zunge, die naheliegende freudianische Interpretation wird gleichermaßen provoziert wie zurückgewiesen und stattdessen eine Ikone des 20. Jahrhunderts evoziert: Albert Einstein. Ein Porträt des Schriftstellers als verängstigtes Kind, das nicht bloß ein Grundgesetz der Physik formuliert, sondern darüber hinaus das Jahrhundert der Barbarei auf die knappe Formel "Masse und Macht" bringen wird. Das Organ dafür ist die Zunge, eigentliches Werkzeug des Schriftstellers, der in zahllosen Genres sein zehn Bände umfassendes Werk erschafft.

An dessen Anfang steht die sarkastische Parodie des Gesetzes des Vaters: "Gott ist ein unsterblicher Idiot und weiter nichts. / Gott ist eine Ausrede. / Gott ist gut, pfui Teufel, wie kann man gut sein! / (...) Gott ist am Platzen. / Gott ist zäh und unverdaulich. / Sonst hätten wir ihn längst aufgefressen. / Gott gnade / Seiner Bundeslade! / Den Juden wird heuer / Gott zu teuer! / Sie denken aus vielen Gründen / Gott zum 1. zu künden!" Das aus den frühen Dreißigerjahren stammende Scherzgedicht des jungen Canetti - die Familie war von Manchester, wo der Vater 1910 starb, nach Wien, weiter nach Zürich, Frankfurt und abermals nach Wien übersiedelt - steht noch deutlich unter dem Einfluss von Karl Kraus. Für den Chemiestudenten die nachdrücklichste Schule des Widerstandes gegen traditionelle Bindungen und die adäquateste Form des therapeutischen Nihilismus, wie er in den Wiener Kaffeehäusern dieser Zeit seine Anhänger und Propheten fand.

Als "fröhliche Apokalypse" bezeichnet der Canetti-Freund Hermann Broch jene Welt des Wertezerfalles, in der der sich politisch "links" verstehende Canetti seine ersten Schreibversuche unternimmt und Freundschaften mit dem Sozialisten Ernst Fischer oder dem Bildhauer Fritz Wotruba pflegt und die Bekanntschaft von Autoren wie Robert Musil und Bert Brecht macht. Politisches wie philosophisches Erweckungserlebnis stellen eine Arbeiterdemonstration in Frankfurt nach der Ermordung des Politikers Walther Rathenau sowie der Brand des Wiener Justizpalastes dar. Bald formuliert Canetti, der vorerst drei Romane des amerikanischen Autors Upton Sinclair ins Deutsche übersetzt, sein schriftstellerisches Credo gegen bloß lyrischen Subjektivismus: "Allergrößtes Misstrauen gegen Lyriker, die es bleiben. Erfahrung stärkt den Verstand, dieser wuchert auf Kosten der Empfindung. Erfahrene Lyriker sind ein Unding."

Im selben Jahr 1936 betritt er mit dem Roman "Die Blendung" die Welt der Literatur. Die Parabel auf das Schicksal des reinen Geistes in der Welt, personifiziert durch den Sinologen Peter Kien, der gleichsam in einer Welt im Kopf, in einer 25.000 Bände umfassenden Bibliothek lebt, von seiner Haushälterin aus seiner Wohnung verdrängt wird und schließlich im Wahnsinn und in einem gewaltigen Autodafé untergeht, ist kein realistischer Wienroman; das Pandämonium aus Gewalt und Sex ist jedenfalls als Protogeschichte über den heraufziehenden Nationalsozialismus zu lesen.

Zum Studium seiner Figuren hält sich Canetti, der eine Vorliebe für alles Abwegige, Wahnsinnige und Monströse hat, in Wirtshäusern auf - von Sex hatte er, wie er später anmerkt, zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung. Seine Hausgötter sind Goya, Brueghel, Rembrandt, Grünewald und vor allem die Irren des Steinhof, in dessen Nähe er wohnt. Das Buch wird von Thomas Mann gelobt - für Canetti ist damit eine Stoßrichtung seines weiteren Schreibens, wie sie vor allem in den Theaterstücken "Hochzeit", "Komödie der Eitelkeit" und "Die Befristeten" zum Ausdruck kommt, festgelegt: der Schlaf der Vernunft, der Ungeheuer gebiert, das Zerreißen der dünnen Oberfläche der sogenannten Zivilisation.

Die politische Entwicklung - Hitlers Machtergreifung, Österreichs "Anschluss" an das Dritte Reich - vereitelt alle weiteren literarischen Vorhaben, ein für den 18. März 1938 angesetzter Vortrag über das Theater wird abgesetzt. Unmittelbar nach der "Kristallnacht" gelingt Canetti die Flucht aus Wien nach England. Seine Frau Veza hatte kurz zuvor in einem Brief an Canettis Bruder George die Erfahrungen der Juden Wiens folgendermaßen beschrieben: Hier würden die "Menschen eingeteilt in Arier, Halbarier, Viertelarier, Achtelarier, Hunde und Juden. Um die Hunde kümmert sich der Tierschutzverein."

Der unmittelbaren Todesgefahr ist Elias Canetti zwar entkommen, doch setzt sich in England ein vor allem aufgrund seines Liebeslebens kompliziertes Dasein fort. Wie der Biografie von Sven Hanuschek, der Einsicht in die Tagebücher aus dem großteils noch bis 2024 gesperrten Canetti-Nachlass hatte, zu entnehmen ist, führte Canetti mit seiner Frau Veza seit ihrer Heirat 1934 eine Boheme-Ehe, die nicht "vollzogen" wurde; zudem waren die gleichzeitigen Verhältnisse mit der Schriftstellerin Friedl Benedikt und der Malerin Marie-Louise Motesiczky Ursache unendlicher Querelen und Turbulenzen. Eine nach dem Tod von Veza Canetti angelegte Don-Juan-Liste führt weit über dreißig Namen tatsächlicher oder erwünschter Geliebter an, was Canetti seinem Tagebuch über Frauen anvertraut, folgt immer einem ähnlichen Strickmuster: Es gebe "Frauen, die viel lieben / Frauen, die viel essen, / Frauen die viel zu essen geben. Huren, Köchinnen und Mütter." Oder: "Eine klagt, die Andere torkelt und die Dritte atmet durch die Kiemen. Der glückliche Besitzer von drei ganz verschiedenen Frauen."

Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der Bombardierung Londons verfügt Canetti für sich selbst ein Verbot für das Schreiben literarischer Texte und beginnt mit den jahrelangen Studien für sein Hauptwerk "Masse und Macht", das erst 1960 erscheint. Er durchforstet Tausende von Büchern aus dem Gebiet der Ethnologie, der Geschichte, der Politik und Psychologie, um dem Rätsel der Macht auf die Spur zu kommen: "Der Tod als Drohung ist die Münze der Macht. ... Wer der Macht beikommen will, der muss den Befehl ohne Scheu ins Auge fassen und die Mittel finden, ihn seines Stachels zu berauben."

Canetti verweigert systematische Theorien, wie sie vor ihm Freud oder Le Bon entworfen hatten, und unternimmt stattdessen eine Art literarisch-phänomenologischer Typologisierung traditioneller "rechter" Massensymbole wie Feuer, Meer, Regen, Fluss, Wald, Korn oder Wind. Der dabei geführte Kampf gegen den Tod ist nicht als einer gegen das individuelle Sterben zu verstehen, sondern als Weigerung, herkömmlichen Religionen oder Ideologien in der Interpretation des Todes zu folgen: Der massenhaft produzierte Tod, wie er im Holocaust erfolgt, hat keinen Sinn mehr. "In der modernen Produktion hat der alte Gehalt der Vermehrungsmeute eine so ungeheuerliche Steigerung erfahren, dass alle anderen Gehalte unseres Lebens daneben verschwinden. Die Produktion spielt sich hier, in diesem irdischen Leben ab. ... Wenn es einen Glauben gibt, dem die lebenskräftigen Völker der Erde eins ums andere verfallen, so ist es der Glaube an die Produktion, den modernen Furor der Vermehrung." Das bezieht sich gleichermaßen auf die kapitalistische Produktionsweise wie auf den Massenmord.

Man stößt bei Canetti aber auch auf irritierende Aussagen wie jene Notiz aus dem August 1945, in dem es provokant heißt: "Hitler müsste als Jude weiterleben." Tatsächlich handelt es sich dabei um einen Kommentar zu Thomas Manns Essay "Bruder Hitler", in der dieser gegen alle Dämonisierung die Verantwortung des Einzelnen reklamiert hatte. Nicht der Holocaust scheint Canetti zu interessieren, er verweist vielmehr auf die Möglichkeiten und Gefahren der Zukunft, die sich mit dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima ankündigen. "Was Dschingis Khan! Was Tamerlan! Was Hitler! - an unseren Möglichkeiten gemessen, klägliche Lehrlinge und Stümper!"

Derartige aphorismenartige Aufzeichnungen, ursprünglich als ein Sich-Freispielen aus dem System von "Masse und Macht" gedacht und schließlich in sieben Bänden veröffentlicht (im Nachlass finden sich weitere zehntausend Seiten), sind nicht nur der permanente Antriebsmotor von Canettis immer originellem Denken und Schreiben - die Aufzeichnungen stellen vermutlich auch den wichtigsten Teil seines OEuvres überhaupt dar.

Canettis freundlichstes Buch ist der seinem Humanismus freien Lauf lassende Bericht über eine dreiwöchige, von einem englischen Freund, dem Schriftsteller Aymer Maxwell, finanzierte Reise nach Marokko: die 1968 erschienenen Erzählungen "Die Stimmen von Marrakesch". Auseinandersetzungen mit dem eigenen Judentum finden hier ebenso statt wie Reflexionen über jüdische Schriftfixiertheit und die christliche Abwertung der Schrift; Beschreibungen von Bettlern, Blinden, Tieren, Landschaften; das Winseln eines Krüppels, von dem nur ein insektenähnliches "ä-ä-ä-ä-ä" zu hören ist - man muss diese Texte von Canetti selbst gelesen hören!

Es ist nicht zuletzt dieses Buch, das ab den Siebzigerjahren zur steigenden Popularität Canettis beiträgt, der schließlich mit dem Nelly-Sachs-Preis und dem Büchner-Preis ausgezeichnet wird. "Die gerettete Zunge" verkauft sich 1977 in einem Vierteljahr 30.000 Mal. 1981 erhält Canetti den Nobelpreis. Obschon er noch in seiner Nobelpreisrede Wien als eigentliche, nämlich literarische Heimat bezeichnet, lebt er seit der Heirat mit der jungen Schweizer Restauratorin Hera Buschor ab 1971 in Zürich; im Alter von 67 Jahren wird er Vater einer Tochter.

Zwar ficht er noch immer - wie etwa mit Thomas Berhard - literarische Sträuße aus und wütet in seinen Aufzeichnungen und Tagebüchern furios gegen Zeigenossen, ehemalige Freunde oder intellektuelle Gegner (siehe Kasten), nach der Autobiografie gelingt ihm aber keines der zahlreichen, im Lauf seines Lebens angekündigten literarischen Vorhaben mehr. Weder das geplante "Gespräch über den Tod" noch die ewig angekündigte "Comédie humaine der Irren", noch das Gedenkbuch für Veza Canetti oder die Studie über das klassische griechische Theater.

Im Gegenteil: So lesenswert die Aufzeichnungen bis zu seinem Lebensende bleiben - mitunter nehmen sie den Charakter von tagebuchartigen Kommentaren zur Tagespolitik an. Über Bemerkungen wie jene über den mit dem Ende der Sowjetunion abgetretenen Gorbatschow darf man sich nur wundern: "Waisenkinder sind jetzt alle, die auf Gorbatschow gebaut haben, die halbe Welt, die ganze. So stark habe ich noch während Jahrzehnten an niemanden geglaubt, mein ganze Hoffnung auf ihn gesetzt, für ihn hätte ich gebetet." Angesichts des Jugoslawienkrieges bleibt schließlich nur noch der Stachel der Frage über die eigene Herkunft: "Es begann mit einem Weltkrieg - und ist achtzig Jahre später in den Balkankrieg zurück gemündet. Wie soll man das fassen? Untersteht das einem Gesetz?"

Eine der spätesten Notizen lautet: "Einschlafen des Bleistifts, traumlos." Das tut Elias Canetti, der auf seinem Schreibtisch immer vierzig gespitzte Bleistifte bereithielt, in der Nacht vom 13. auf den 14. August 1994 für immer. Als höchste Maxime seines Lebens hatte er den Kampf gegen den Tod bezeichnet. Die Nachrufer schienen verwirrt, dass er tatsächlich gestorben war - und mit ihm ein ganzes Jahrhundert. "Dass die Götter sterben, macht den Tod noch frecher", schrieb er 1942 - und die Notiz lässt sich auch auf die Literatur nach Canetti überhaupt beziehen. Canetti wurde in Zürich direkt neben James Joyce begraben, seine 20.000 Bände umfassende Bibliothek der Universitätsbibliothek Zürich übergeben.

Erich Klein in FALTER 28/2005



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