Entnazifizierung zwischen politischem.... Das Beispiel der SPÖ

Maria Mesner


Das Dilemma der Polemik

Im "Falter" kritisierte die Historikerin Eva Blimlinger den Bericht der SPÖ über ihre "braunen Flecken" - mit zweifelhaften Argumenten.

Nicht nur Lob erntete die SPÖ, als sie vor einer Woche ihre angekündigte Studie über den Umgang der Partei mit ehemaligen Nazis präsentierte. Eva Blimlinger kritisierte die SPÖ scharf - und unterstellt dem Bericht dabei Fehler, die nicht vorhanden sind. Es beginnt beim Vorwurf, die Studie nenne kommentarlos unterschiedliche Zahlen von NSDAP-Mitgliedern. Von einer unvoreingenommenen Rezensentin wäre zu verlangen, wenigstens ganze Absätze zu Ende zu lesen. Dann sähe sie nämlich, dass sich die Zahlen auf unterschiedliche geografische Gebiete beziehen. Der Vorwurf, es werde kein Quellenmaterial genannt, sondern publizierte Literatur, übrigens anerkannte Standardwerke, läuft - ernst genommen - darauf hinaus, dass jede einschlägige Forschung bei der Auszählung der NSDAP-Mitgliedskartei stecken bleiben müsste.

Im Zusammenhang mit der Integration der sogenannten "Illegalen" in die beiden Parteien der Nachkriegskoalition wirft Blimlinger der Studie nonchalant "glatte Fehlinterpretation" vor. Das ist glatt daneben, wenn man die inkriminierte Textstelle betrachtet: Die Studie erläutert dort, dass die Vorannahme, die SPÖ weise nach 1945 mehr "Illegale" auf als die ÖVP - weil viele ehemalige Sozialdemokraten, die sich nach dem Verbot ihrer Partei 1934 der illegalen NSDAP angeschlossen hätten, der Nachkriegs-SPÖ wieder beigetreten seien -, durch die Forschungsergebnisse falsifiziert worden sei. Darüber hinaus werden die Ergebnisse gar nicht, daher auch nicht falsch interpretiert.

Zu den Politikerbiografien des Bandes stellt Eva Blimlinger fest, Frauen würden fehlen. Richtig. Wir haben keine gefunden, die NSDAP-Mitglieder und danach in der SPÖ sichtbar genug gewesen wären, um ausreichend Spuren für eine solche Studie zu hinterlassen - was nicht verwundert, wenn man sich mit der Geschlechterpolitik der Nachkriegszeit auseinander gesetzt hat.

An anderen Stellen stößt Blimlinger wortgewaltig Türen auf, die in der Untersuchung bereits sperrangelweit geöffnet worden waren. Ausführlich beklagt sie - in Bezug auf die Exnazis unter den SPÖ-Funktionären - das "Dilemma des Zählens". Dem ist zuzustimmen. Nur: Wie problematisch die Zahlen sind und wie lückenhaft die Datengrundlage ist, erklärt die Studie detailliert, aber Blimlinger erwähnt das nicht. Im Übrigen ist das "Zählen" trotz seiner Schwierigkeiten sinnvoll, denn es geht um Größenordnungen: Es ist nicht gleichgültig, ob niemand, ein Drittel oder zehn Prozent der Repräsentanten einer Partei bei der NSDAP waren.

Am Schluss verweist Blimlinger mit Blick auf Adolf Schärf darauf, dass man ja auch ohne NSDAP-Mitgliedskarte vom NS-Regime profitieren konnte. Da hat sie Recht, im Resümee der Studie wird deutlich darauf hingewiesen.

Solches und Ähnliches führt zum Kern der Kritik an der Kritik: Ohne Zweifel ist Eva Blimlinger eine äußerst kompetente Historikerin. Es stellt sich daher die Frage, warum so massive Vorwürfe entweder leichtfertig oder wider besseres Wissen erhoben werden. Eine Antwort darauf könnte darin liegen, dass Debatten über Zeitgeschichte politischer als andere historische Auseinandersetzungen geführt werden. In Österreich heißt das vor allem und besonders parteipolitisch. Das lässt sich aus der Entwicklung der Zweiten Republik und daraus resultierenden Defiziten ihrer politischen Kultur erklären. Diese Tatsache ist bedauerlich, weil wichtige Debatten behindert werden.

Blimlingers Text ist hierfür ein Beispiel: Die parteipolitische Polemik ist mit der Autorin auch dann durchgegangen, als eine seriöse Diskussion über die historische Studie gefragt gewesen wäre. Aber vielleicht kann die Debatte, wie sinnvoll über die jüngere Vergangenheit des Politischen zu forschen und zu sprechen ist, ja zu einem anderen Zeitpunkt geführt werden.

Maria Mesner in FALTER 28/2005



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