Jules und Jim

Henri-Pierre Roché, Peter Ruhff


Eine Glanzrolle für Oskar Werner und dazu noch Jeanne Moreau als Femme fatale, die zwei Männer liebt - "Jules und Jim" ist ein Klassiker der Filmgeschichte. Ein Klassiker der Literaturgeschichte zu werden blieb dem Roman des französischen Journalisten und Literatur- und Kunstagenten Henri-Pierre Roché, der erstmals 1953 beim renommierten Pariser Verlag Gallimard erschien, allerdings versagt. Obwohl die Verfilmung von François Truffaut, der durch Zufall auf diese Geschichte einer radikalen ménage à trois gestoßen war, beträchtliches Aufsehen erregte und dem 1959 verstorbenen Autor posthum zu kurzer Popularität verhalf.

Jules, ein deutscher, und Jim, ein französischer Schriftsteller, lieben Kathe, eine junge, kunstsinnige Frau, die mit beiden Männern eine Affäre hat, den einen schließlich heiratet, um mit dem anderen erneut eine Affäre zu beginnen. Eine authentische Liebesgeschichte übrigens. Vorbilder waren Roché selbst, der deutsche Schriftsteller Franz Hessel und dessen Frau Helen. Die Qualität des Buches liegt aber nicht so sehr in der Handlung als vielmehr im Tonfall: ein unsentimentaler Esprit herrscht hier vor, impressionistisch hingetupfte Sätze, die in ihrer unbefangenen Direktheit an Tagebucheintragungen erinnern. Kein Wunder. Ein gigantisches Tagebuchprojekt ist die Grundlage für Rochés gesamtes literarisches Schaffen. Von 1905 bis zu seinem Tod, also über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren, hatte er akribisch und detailreich Buch geführt über seine Eroberungen, erotischen Abenteuer und Liebschaften. Geschätzte zwanzig voluminöse Bände würde eine Veröffentlichung dieser intimen Aufzeichnungen füllen.

Sie sind auch die Quelle für Henri-Pierre Rochés zweiten biografischen Roman "Die beiden Engländerinnen und der Kontinent", der ebenfalls von Truffaut verfilmt wurde (deutscher Verleihtitel: "Zwei Mädchen aus Wales"). Diesmal sind es zwei Frauen, die ein und denselben Mann lieben: Claude lernt in Paris die Bildhauerin Anne kennen. Als er sie in Wales besucht, ist er auch von Annes Schwester Muriel fasziniert. Die beiden Schwestern verlieben sich in Claude, der sich aber für keine der beiden Frauen entscheiden kann Was sich in der bloßen Schilderung etwas seicht ausnimmt, entpuppt sich bei der Lektüre aber als ein raffiniert durchkomponiertes Stück Literatur. Mehr als nur das übliche "Buch zum Film".

Erwin Quirchmair in FALTER 25/2005



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