Zwölf Ringe

Juri Andruchowytsch, Sabine Stöhr


Karl Joseph Zumbrunnen, Wiener Fotograf mit galizischen Wurzeln, reist in den 1990er-Jahren in die Ukraine, verliebt sich in Lemberg und die Übersetzerin Roma Woronytsch und wird bei einem abenteuerlichen Ausflug in die Karpaten eher zufällig ermordet. "Zwölf Ringe", der erste ins Deutsche übersetze Roman des im westukrainischen Iwano-Fankiwsk lebenden Juri Andruchowytsch (Jahrgang 1960), hat wie die von der Kritik heftig akklamierten Essays "Das letzte Territorium" (2003) und "Mittelöstliches Mento" (2004) den heimlichen Mittelpunkt Europas zum Schauplatz: das geografische wie geschichtliche Niemandsland zwischen Ost und West. Unter dem Titel "Das Vaterland des Masochismus" fotografiert der Spross einer Forstwirtsdynastie den Trash der postsowjetischen Gesellschaft mit Habsburgnostalgie: verfallende Fabriken, schmierige Wirtshäuser und den sie bevölkernden Seelenmüll; eine saufende, fickende, grölende Meute von Verzweifelten. Die deutschen Auftraggeber finden das geil.

Mit fulminanter Leichtigkeit gelingt es Andruchowytsch, komplizierte Handlungsstränge ineinander zu verweben und packend von langweiligen Bahnhöfen, Sex und Landschaften mit Autowracks zu erzählen. Der schönste Satz des bizarren spätwinterlichen Karnevals: "So viel Rot im Grün gibt es nur in Kirschbäumen und nur im Juni." Die Parabel über die Unmöglichkeit von Erlösung im Diesseits (Zwölf Ringe) endet mit einer ironisch-fantastischen Seelenreise vor der Kapuzinergruft. Alles bleibt beim Alten: Der Leser aber ist um ein Meistewerk, das den Vergleich mit Dostojewskij und Kundera nicht scheuen muss, reicher.

Erich Klein in FALTER 25/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×