Der Spieler der inneren Stunde

Marica Bodrožić


Das Jahrhundert ist verwünscht, es hat mit Zahnausfall begonnen und enden wird es mit einem leeren Kiefer, sagen die alten Herzegowiner, die Zurückgebliebenen. Denn die Karsthochebene der Herzegowina über der dalmatinischen Küste ist Auswandererland. Jelena Felder folgt im Alter von zehn Jahren ihren Eltern nach Deutschland; zurück bleibt der Großvater Nikola und ein namenloses Dorf mit seinen teils skurrilen, abergläubischen, liebevollen aber auch bigotten und bösartigen Bewohnern.

Zurück im Dorf bleibt jener Teil von Jelena, der sich nach Klarheit, nach Geborgenheit in einer Umgebung sehnt, deren unzählige Geschichten sie in sich trägt. So wird das Dorf für Jelena zur regelmäßigen Zuflucht - sei's in der Fantasie, sei's als Ferienort während der Sommermonate -, entgleitet dieser aber mit jeder Heimkehr mehr. Sehnsucht beginnt mit Abscheu zu wechseln, und beide Empfindungen vermischen sich zu einer nüchternen Trauer über die Heimat, die nicht mehr sein wird.

Marica BodrozÇicŽ, die 1973 im dalmatinischen Zadvarje geboren wurde, in der Herzegovina und Dalmatien aufwuchs und nun in Berlin lebt, hat in "Der Spieler der inneren Stunde" wohl einen Teil ihrer eigene Zerrissenheit beschrieben. In klarem, präzisem Deutsch (das nicht ihre Muttersprache ist), unsentimental, aber nicht ohne Empathie entwirft sie einen nuancenreichen Abgesang einer Auswanderin auf ihre Heimat. Jeder Dorfbewohner findet darin seinen Platz, jeder Stein der Umgebung Erwähnung. Wer in der Hitze des Sommers bei einem Mokka hinter die pittoresken weißen Steinfassaden Dalmatiens blicken will, der sollte sich von Marica BodrozÇicŽ entführen lassen.

Patrik Volf in FALTER 25/2005



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