Natascha

David Bezmozgis, Silvia Morawetz


1980 emigrierte David Bezmozgis, Jahrgang 1973, mit seinen Eltern aus Lettland nach Kanada, um dem sowjetischen Antisemitismus zu entkommen. Inzwischen machte er sich als Erzähler einen Namen, dessen Storys immerhin der New Yorker druckt und die ihm Nominierungen zu bedeutenden Literaturpreisen einbrachten. Sein erster Erzählungsband nun versammelt sieben wohl autobiografisch gefärbte Geschichten, die von den ersten Jahren nach der Einwanderung handeln. Sie erzählen von der offensichtlich unbeirrbaren Selbstverständlichkeit, mit der eine jüdische Familie, von Riga nach Toronto verpflanzt, ihren Traditionen und Prinzipien treu bleibt - und es dort tatsächlich in erstaunlich kurzer Zeit zu einem gewissen Wohlstand bringt.

Literarisch höhere Ambitionen sind Bezmozgis Sache nicht, seine Geschichten leben vielmehr davon, wie drei Welten aufeinander prallen: Da ist der jüdische Familienclan, geprägt von Diaspora und Verfolgung, dann die Suburbia von Toronto (offenbar ein besonders fades Stück Erde) und schließlich die Erinnerung an das sowjetische Lettland, trostlose Provinzexistenz schlechthin. Wunderbar erzählt ist das Wiedersehen mit sowjetischen Gewichthebern, die zu einem Turnier nach Kanada reisen und dort ihren früheren Masseur - den Vater des Erzählers - treffen, ausgesprochen cool die pubertäre Kafka-Lektüre, unterbrochen von ein paar Joints und dem ersten richtigen Sex - mit der Tochter eines Onkels, denn es soll ja alles in der Familie bleiben.

"Natascha" ist die richtige Lektüre für den verpassten Zug oder für den verspäteten Anschlussflug. In einem der nächsten Sommer aber werden wir sicher auch einen Roman von Bezmozgis lesen können: Und dann werden wir sehen, ob Stoff und Atem auch für einen richtigen Urlaubsschmöker reichen.

Tobias Heyl in FALTER 25/2005



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