Castorp

Pawel Huelle, Renate Schmidgall


Let it snow, let it snow Bücher für den Sommerurlaub müssen nicht notwendig im Sommer spielen. Man kann auch antizyklisch lesen.

Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, dass man nicht einen Schritt weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde, treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz durcheinander, - das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen mochte."

Das Zitat stammt aus dem berühmten "Schnee"-Kapitel von Thomas Manns "Zauberberg" und soll hier nur die Möglichkeiten jahreszeiteninadäquaten Lesens ins Bewusstsein rufen. Zwar behaupten Verleger ja gerne mal, dass man in der warmen Jahreszeit kein Buch veröffentlichen könne, das im Winter spielt, aber wer weiß, ob's wahr ist. Die Zeit der Literatur ist jedenfalls eine ganz andere als die des Literaturbetriebs, und es soll sogar Menschen geben, die in die allgemeine Sommergutfindhysterie nicht ganz vorbehaltlos mit einstimmen. Vielleicht also doch (wieder) mal den "Zauberberg" lesen? Oder sich vorlesen lassen: Gert Westphal hat den Roman auf insgesamt 15 CDs "eingelesen".

Wer doch lieber zu Neuerscheinungen greift, braucht des Bezugs auf Thomas Mann in dieser Saison nicht zu entraten. Der aus Gdansk stammende Schriftsteller Pawel Huelle (Jahrgang 1957) hat sich an einen Hinweis im "Zauberberg" gehalten, dem zufolge Hans Castorp "vier Semester Studienzeit am Danziger Polytechnikum hinter sich (hatte)", und mit "Castorp" nun so etwas wie das Prequel zu Manns großem Roman geschrieben. Unter dem Protest seines Onkels, Konsul Tienappel, dem der wilde Osten nicht ganz geheuer ist ("Ein Augenblick der Schwäche, ein Moment des Vergessens können die Bemühungen vieler Jahre zunichte machen. Im Osten geschieht so etwas häufiger") bricht Castorp im Oktober 1904 per Schiff nach Danzig auf, um dort Schiffsbau zu studieren.

Das Danziger "Schneekapitel" beschert Castorp wüste Träume von rodelnden Toten und führt ihn nächtens auf den zugefrorenen Fluss, wie Pawels Roman überhaupt als gekonntes, stilsicheres (und sehr gut übersetztes) Spiel mit Motiven und Personenkonstellationen aus dem "Zauberberg" erweist. Man muss diese übrigens nicht identifizieren können, um Vergnügen an "Castorp" finden zu können. Dem (angeblich) knappen Reise- und Studienbudget und allen Fährnissen (Mord, politische Verschwörung, erotische Verwirrungzum Trotz verbringt Castorp eine recht geruhsame Zeit im alten Danzig, und der Leser kann es sich in diesem historischen Setting recht komfortabel machen. Als begleitende Genussmittel werden Portwein und Zigarren (natürlich Maria Mancini!) gereicht.


Hätte er etwas mehr auf die wie Flaumfedern vom Himmel fallenden Flocken geachtet, dann hätte er womöglich den starken Schneesturm, der da aufzog, gespürt und gefühlt, dass er sich auf eine Reise machte, die wohl sein ganzes Leben verändern würde, und wäre umgekehrt."

Die fatale, letztlich gar letale Reise, die der Dichter Ka hier unternimmt, führt diesen in die Provinzstadt Kars, wo er sich im Hotel Schneepalast einquartiert, um als Journalist den Hintergrund von Serienselbstmorden unter muslimischen Mädchen zu recherchieren, die man gezwungen hatte, das Kopftuch abzulegen.

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk (Jahrgang 1952) hat fraglos den Schnee-Roman der Saison geschrieben. Er betitelt sich schlicht "Schnee" und erzählt unter anderem eine märchenhafte Liebesgeschichte: Der aus dem Frankfurter Exil zurückkehrende Protagonist trifft auf seinen Jugendschwarm, die schöne Ipek. Weniger märchenhaft sind all die ideologischen Verwerfungen zwischen Atatürk-Liberalismus und islamistischem Terror, religiöser Selbstbestimmung und säkularer Soltadeska, die dieser Roman zu einem epischen Panorama auffächert: Unterm Schnee liegt die Realität eines von Gegensätzen und Widersprüchen zerfurchten Landes.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2005



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