Fast ganz die Deine


Liest man Glenway Wescotts Novelle "Der Wanderfalke", nachdem man lange Zeit nur mit zeitgenössischer Literatur konfrontiert war, so fühlt man sich, als ob man nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in diversen Jugendherbergen plötzlich im Grandhotel nächtigt: Ein behagliches Gefühl des Komforts stellt sich ein, ist man erst von den Zeichen des Luxus, von Eleganz und Formvollendetheit umgeben. Wescotts Sprache ist reich, aber nie protzig, der Stil elegant, aber nie manieriert: Diese stilistischen Positiva wie auch die hohe Beobachtungsgenauigkeit lassen Erinnerungen an die große Edith Wharton wach werden.

Wie Wharton lebte Wescott lange Zeit in Frankreich; ebendort hat der Amerikaner auch seine 1940 erstveröffentlichte, jetzt wieder neu aufgelegte "Liebesnovelle" angesiedelt. Ein mittelaltes, mitteladeliges irisches Ehepaar macht einen Kurzbesuch bei der Freundin des Icherzählers; Mrs. Cullen, die charismatische Domina des globetrottenden Zweiergespanns, führt einen gezähmten Falken mit sich. Im Verhalten des Falkens erkennt der Icherzähler Analogien zum menschlichen Leben: Zähmung als Voraussetzung für Kultur, als Grundbedingung auch jeder zwischenmenschlichen Beziehung. So brillant Wescott die erste Hälfte seiner Novelle auch gestaltet: In der zweiten überstrapaziert er die metaphorische Arbeit leicht, was der Poesie abträglich ist und dem Werk den Beigeschmack einer (virtuosen) Deutungsübung verleiht.

Der bedrückende Zweiklang von Tod und Liebestod bestimmt das einzige literarische Werk von Marcelle Sauvageot: In einigen Briefen an einen ehemaligen Geliebten, "Fast ganz die Deine", sinnt die Autorin über ihre letzte Beziehung nach, seziert mit der Präzision einer Chirurgin den Charakter und das Verhalten ihres Herzensbrechers. Der tragische Hintergrund dabei: Die Briefschreiberin ist an Tuberkulose erkrankt und weiß um ihre geringen Heilungschancen. Tatsächlich starb Sauvageot noch vor der Veröffentlichung der Briefe, die als Dokumente von Mut, Haltung und Ehrlichkeit im Angesicht des eigenen Todes Schriftsteller wie Paul Valéry und Paul Claudel nachhaltig beeindruckten.

Stefan Ender in FALTER 25/2005



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