Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen...

Dieter Hildebrandt


Tod und Terror

Beethovens "Neunte" und Schostakowitschs "Vierzehnte": lesenswerte Annäherung an zwei Monumente der Musikgeschichte.

Wer weiß, ob es in 181 Jahren noch eine Europäische Union geben wird? Ihre Hymne jedenfalls ist im vergangenen Mai eben so alt geworden und dürfte auch die nächsten zwei Jahrhunderte unbeschadet überstehen. Mit dem Finalsatz seiner Neunten Sinfonie, genauer: mit dem Chor auf Friedrich Schillers Ode "An die Freude" ist Beethoven 1824 ein musikalischer Welterfolg gelungen, der diesen Namen tatsächlich verdient. "Freude, schöner Götterfunken" - das ist und bleibt wohl auch die bekannteste klassische Komposition der Menschheit.

Dabei ist Beethovens Opus 125 weit mehr als nur sein Schlusschor, und doch steht dieser Teil im Zentrum des Interesses auch von Dieter Hildebrandt. Der Musikschriftsteller (nicht identisch mit dem Kabarettisten) hat sich unter dem schlichten Titel "Die Neunte" der breiten und vielschichtigen Rezeptionsgeschichte des Werks angenommen und dabei - im Schiller-Jahr 2005 - besonderes Augenmerk auf das Zusammenspiel von Musik und Text gelegt. Herausgekommen ist keine trockene Analyse, sondern eine toll geschriebene, faszinierende und spannende Kulturgeschichte, die anhand eines Musikstücks zu mitunter überraschenden Schauplätzen in Wien, Berlin, London, Paris und New York führt.

Die informativen und verständlichen Darstellungen der zahlreichen Diskussionen über die Integrität, die kompositorische Geschlossenheit der Neunten gehören dabei zu den aufschlussreichsten Kapiteln des Buches. Sie zeigen den Weg, auf dem Beethoven zu seinem fragwürdigen Ruhm als "Titan" kam: von der furchtsamen Verehrung zu Lebzeiten über oft von Unverständnis geprägte Polemiken unmittelbar nach dem Tod des Komponisten 1827 bis hin zur Verklärung samt ideologischer Vereinnahmungsversuche für - wahlweise - die "wahre deutsche Kunst", "die Menschlichkeit", den "Klassenkampf des Proletariats". Selbst die Rolle der Neunten als "Psychoterror" lässt Hildebrandt nicht unerwähnt: mit einem Kapitel zu Stanley Kubricks "Clockwork Orange".

Einen ganz anderen Weg der intensiven Annäherung an ein Monument der Musikgeschichte geht Andreas Wernli. Für den ersten Band der neuen Reihe "Frequenzen" wählte der Schweizer Musikwissenschaftler Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 14, op. 135. Auch Schostakowitsch verwendet darin - unüblich im sinfonischen Kontext - Singstimmen, aber darüber hinaus hat das 1969 entstandene Stück mit Beethovens Neunter wirklich nichts gemein.

Im Gegenteil: Der bereits schwer kranke Komponist lieferte hier mit textlicher Hilfe von García Lorca, Brentano, Apollinaire, Rilke und dem russischen Dichter Wilhelm Küchelbeker eine bitter verzweifelte Abrechnung mit dem Tod, die in ihrer rigorosen Gnadenlosigkeit selbst den freudlosen Menschen Beethoven hätte erblassen lassen. Wie genau diese Musik einem derart effektiv die kalten Schauer über den Rücken jagt, das erklärt Wernli mit einem "Hörgang". Damit es nicht nur bei der Theorie bleibt, liegt dem Buch eine packende Einspielung durch das Zürcher Kammerorchester unter dem Dirigenten Howard Griffiths mit dem Solisten Stephanie Friede (Sopran) und Pavel Daniluk (Bass) als CD bei.

Nach kurzen einleitenden Kapiteln zu Biografie und Entstehungsgeschichte arbeitet Wernli die elf Sätze der Sinfonie im Wortsinn minutiös durch: In einer Tabelle lässt er den Text, das musikalische Geschehen und seine Erläuterungen mit sekundengenauen Zeitangaben parallel zur CD laufen. Wernli hat auch als Musikjournalist beim Schweizer Radio gearbeitet, er weiß, wie man die Tricks und Kniffe eines Komponisten verständlich erklärt. Musikalische Grundkenntnisse sind für die Teilnahme an seinen Hörgang also nicht vonnöten. Nur ein bisschen Geduld und offene Ohren.

Carsten Fastner in FALTER 24/2005



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