Journalismus: Beruf ohne Moral?. Von der Berufung zur Profession?

Matthias Karmasin


Im sozialen Schmuseeck

Handeln Journalistinnen moralischer als ihre männlichen Kollegen? Eine aktuelle Studie legt diesen Schluss nahe. Medienvertreterinnen freuen sich über diesen Befund aber nur sehr bedingt.

Reißerische Geschichten beeindrucken die Führungsebene, jedoch sind es eher die männlichen als die weiblichen Journalisten, die so punkten: "Ein Mann haut eher einmal zu viel hin und eine Frau lieber einmal zu wenig", sagt Alexandra Khoss, Redakteurin und Betriebsrätin bei tv-media. Im Boulevardjournalismus sei es nicht immer leicht, Integrität zu wahren. Ihrer Erfahrung nach prüfen Journalistinnen Gerüchte eher nach, Journalisten hingegen verkünden sie sofort in der Redaktionskonferenz. Sie persönlich wäge eher als männliche Kollegen ab, ob sie wirklich jede Nachricht an die Öffentlichkeit bringen soll. Erst kürzlich hatte sie bei einer Geschichte über das Privatleben eines Promis ihre Skrupel, und so hielt sie die Story vorerst zurück, um sie dann aus der Feder eines Kollegen zu lesen. "Ich hab das Gefühl, dass Männer mehr ihre Karriere pushen wollen und Frauen eher überlegen, ob sie mit Artikeln jemanden verletzen könnten."

Frauen sind die gewissenhafteren Journalisten. Zu diesem Schluss kam eine 2004 entstandene Studie der FH Wien, in Kooperation mit dem Gallup Institut und Medienwissenschaftler Matthias Karmasin, die nun auch als Buch erschienen ist. Tausend Leser und Leserinnen sowie 122 Medienschaffende wurden über das Image des österreichischen Journalismus befragt.

Die Studie "Ethik des Journalismus in Österreich" ergab, dass die Bevölkerung generell ein besseres Bild von Journalisten hat als die Medienvertreter von sich selbst. Außerdem gaben Journalisten öfter als noch vor zehn Jahren in einer ähnlichen Studie an, in Gewissenskonflikte zu geraten. Besonders Journalistinnen hätten öfter Probleme, ihr berufliches Handeln mit ihrem Gewissen zu vereinbaren. Sie bewerteten Objektivität, Recherchegenauigkeit und Unabhängigkeit höher als Männer. Außerdem würden Journalistinnen weniger voreingenommen an ihre Arbeit herangehen.

"Moralisch gesehen sind Frauen die besseren Journalisten", sagt Studienleiter Reinhard Christl, Leiter des Fachhochschullehrganges für Journalismus und Medienmanagement Wien. Frauen gaben in der Befragung öfter als Männer an, dass sie in ihren journalistischen Arbeiten die Realität abbilden, benachteiligten Menschen helfen und mit ihrem Engagement etwas bewirken wollen. Christl nennt das einen anwaltschaftlichen Journalismus. Männliche Medienvertreter gaben öfter an, schlicht und einfach informieren zu wollen.

Nicht nur in der Selbstwahrnehmung, auch im Bild, das Leser von Journalisten haben, spiegelt sich dies wider: "Auch das Publikum meint, dass Frauen sozialer ausgerichtet sind und anders an Themen herangehen", sagt Co-Autor Matthias Karmasin.

Journalistinnen sind sich keineswegs einig, wie sie die Ergebnisse der Studie einschätzen sollen. "Ich hab nicht die Erfahrung gemacht, dass es im moralischen Handeln geschlechtsspezifische Unterschiede gibt", erzählt Katharina Krawagna-Pfeifer, langjährige Innenpolitik-Ressortleiterin beim Standard und später, bis vor kurzem, Kommunikationschefin der SPÖ. Wie wichtig ethische Grundsätze genommen würden, sei eine Frage der Persönlichkeit. Das gelte in anderen Bereichen genauso: "Auch Politikerinnen sind nicht moralischer als Politiker."

Maria Zimmermann von der Chronik-Redaktion der Salzburger Nachrichten hält das Ergebnis der Ethikstudie für einen Trugschluss: "Ich glaube nicht, dass Frauen und Männer einen unterschiedlich idealistischen Zugang haben oder höhere ethische Ansprüche an ihre Arbeit stellen. Aber sie arbeiten in anderen Bereichen." In den Aufgabenbereich von Journalistinnen würden eher Sozialpolitik oder Gesundheit fallen. "Es gibt immer noch Frauenthemen. Da heißt es dann: Das kannst als Frau eh besser. Oft handelt es sich aber auch um die weniger prestigeträchtigen und arbeitsaufwendigeren Jobs", sagt die Journalistin. Frauen gingen vielleicht auch weitsichtiger an Themen heran als ihre Kollegen. Zimmermann sieht die Gründe für die teils unterschiedliche Arbeitsweise in den Rollenbildern und der Erziehung. Dieser Meinung sind auch die Studienautoren: "Frauen sind von Natur aus weniger machtgierig, während Männer karriereorientierter vorgehen und eher dazu neigen, gewisse Unsauberkeiten in Kauf zu nehmen", sagt Reinhard Christl. Sein Kollege Matthias Karmasin sieht die Wurzeln ebenfalls in der Kindheit: "Buben kriegen schon im Kindergarten mit, dass sie egoistischer sein müssen und kämpfen sollen."

Brigitte Handlos, Chronik-Ressortleiterin beim ORF-Radio und Gründerin eines Netzwerkes für Medienfrauen, stimmt dem Ergebnis der Studie, dass Frauen ethische Grundsätze höher halten, zu. Aber mit den Mutmaßungen über die Gründe dafür kann sie gar nichts anfangen. "Zu argumentieren, dass Frauen eine soziale Ader hätten, ist schwachsinnig und gefährlich", warnt sie. Das würde den Schluss aufdrängen, dass Frauen sich um Sozialthemen zu kümmern hätten, "und ich hab es satt, mich in dieses soziale Schmuseeck stellen zu lassen". Handlos vermutet die Ursache woanders: "Journalisten berichten über das Bundeskanzleramt, Banken und Wirtschaftsunternehmen, die fast ausschließlich von Männern geleitet werden, und verfallen oft in eine Bussi-Bussi-Gesellschaft. Journalistinnen hingegen arbeiten härter an den Fakten und verlassen sich weniger auf das, was ihnen vorgesetzt wird." Brigitte Handlos selbst kommt in ihrer Arbeit gar nicht selten in Gewissenskonflikte, die dann auch redaktionsintern besprochen werden. Die Journalistin ist besonders vorsichtig, wenn das Privatleben von Personen beleuchtet wird, die kein öffentliches Amt bekleiden: "Da frag ich mehrmals nach, ob sie das auch wirklich im Radio hören wollen."

Frauen sind an der Journalismus-FH wie auch im Publizistikstudium längst in der Überzahl. Trotzdem: Je weiter man die Karriereleiter hinaufblickt, desto weniger Frauen sind dort auszumachen. "Es ist ein Skandal, dass es in Österreich noch immer keine einzige Chefredakteurin einer Tageszeitung und viel zu wenige Politik-Ressortleiterinnen gibt", sagt Brigitte Handlos. Das liege einerseits daran, dass Männer ihre Positionen nicht freiwillig aufgeben, hänge aber auch damit zusammen, dass Frauen zu starke Beißhemmung hätten. Und das Argument, dass Journalistinnen mit Familie schwer an die Spitze kommen, hält Handlos für eine Ausrede der Frauen: "Ich weiß, die Vereinbarkeit ist nicht leicht, aber sie müssen ihre Männer einfach härter in die Pflicht nehmen und sich beruflich auf die Füße stellen."

Es drängt sich die Frage auf, ob Journalistinnen seltener in Führungspositionen sind, weil sie ethische Grundsätze hochhalten, oder ob sie auf solche Werte weniger Rücksicht nehmen müssen, eben weil sie selten Chefredakteurinnen oder Ressortleiterinnen sind. Da eine qualitative Studie darauf keine Antwort geben kann, müssen die Studienautoren spekulieren. "Vielleicht verhindert ein sehr idealistischer Zugang den Aufstieg", vermutet Reinhard Christl. Auch Matthias Karmasin glaubt, dass in jenen Positionen und Ressorts, in denen Frauen arbeiten, seltener ethische Fragen auftauchen. "Weil sie keine Chefredakteure sind, sind Frauen weniger mit dem Problem konfrontiert, zwischen Werbedruck und Redaktionsinteressen zu entscheiden. Je höher jemand in der Hierarchie ist, desto häufiger tauchen ethische Konflikte auf."

Für Katharina Krawagna-Pfeifer ist ethisches Handeln keine Frage des Geschlechts, sondern für jeden einzelnen Medienvertreter, egal in welcher Position, von Bedeutung. Sie hat sich gerade als Trainerin für den journalistischen Nachwuchs selbstständig gemacht. Deshalb ist ihr Abstand zur täglichen Praxis gerade groß genug, um scharfe Kritik am österreichischen Journalismus zu üben: "Journalisten sind oft zu Lohnschreibsklaven geworden." So hätte beispielsweise nach dem Einstieg des BZÖ in die Regierungsmannschaft ein lauter Aufschrei durch die Medien gehen müssen. Derzeit sei "der öffentliche Diskurs in diesem Land eine Katastrophe", meint Krawagna-Pfeifer. Sie fordert mehr Kritik und Unabhängigkeit, und das sowohl von Journalistinnen wie auch Journalisten.

Theresa Steininger in FALTER 23/2005



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