Am Sonntag will Gott zu Atem kommen

Sünje Lewejohann


Balkone vorne, Berge hinten, Kirchturm in der Mitte - so sieht es aus, das perfekte Dorf. Zwei junge Autorinnen kratzen in ihren Debüts an der Fassade dieser nur auf Postkarten heilen Welt. Es regnet viel, in beiden Büchern; und flach ist das Land. "Am Sonntag will Gott zu Atem kommen" nennt sich der Roman von Sünje Lewejohann. Ein psychotischer Text: Munk, das Dorf, wispert und zischt, lästert und spuckt. Nur wenige gehören nicht zu den "schiefen Mündern" dieses Dorfleibes, der sich an Asta vergreift, dem "Glasfräulein", dessen Knochen so leicht brechen. Manchmal knackt es auch hinter Astas Schädeldecke. "In Astas Fingern ist eine Kälte, es zuckt darin." Die körperliche Entfremdung, das Dorf in Astas Kopf, gibt dem Roman seine ästhetischen Regeln vor, was diesem aber gar nicht gut tut: In den einfach gebauten Sätzen sprießen zahlreiche als naiv getarnte Metaphernmonströsitäten und ähnlich ätherische Sprachblümeleien. Immer wieder tun sich inhaltliche Gräben auf zwischen einem Satz und dem nächsten, als fände sich in deren Tiefe ganz von selbst Bedeutung ein. Tut sie leider nicht.

Während Lewejohanns Roman allzu pathetisch schnauft, hält die andere Dorfdebütantin, Svenja Leiber, in ihrem Erzählband "Büchsenlicht" gerne mal die Luft an für ein paar Sätze, um erst danach wieder Atem zu schöpfen. Da ist erst mal etwas, bevor Weiteres geschieht: "Landregen. Lehmschwere Stiefel an lehmschweren Bauern, Gurgelndes am Straßenrand und Schleimspuren auf dem Asphalt." Das Dorf, dem die Geschichten entspringen, trägt bei Leiber keinen Namen, denn die erzählt sowieso lieber exemplarische Sozialdramen: Ein Mann schlägt Frau und Kinder; Zugezogene führen einen absurden Nachbarschaftskrieg; ein Mädchen ritzt sich ins eigene Fleisch. So simpel die Storys, so sehr beweisen sie ein großes Talent. Mit Leichtigkeit schreibt sich Svenja Leiber in die verschiedenen Perspektiven, sei es nun ein Kleine-Schwester-Ich oder ein Sozialhilfeempfänger-Er. Noch in jedem ihrer Satzzeichen ist sie präsent, ohne dass man das recht bemerkt. Als wäre sie nur ein bisschen hinter den Fassaden hin und her geschlendert. Tatsächlich aber hat sie einen auf all seinen Wegen beeindruckenden Spaziergang durchs Dorf unternommen.

Karin Schuster in FALTER 23/2005



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