Letzte Nacht. Erzählungen

James Salter, Malte Friedrich


"Ein kurzer Blick ins Herz"

Am 10. Juni feiert der amerikanische Erzähler James Salter seinen 80. Geburtstag. Dem "Falter" erklärte er, wie wenig und wie lange es braucht, um eine Geschichte zu schreiben, und warum es keinen Irakkrieg gibt.

Andere Autoren haben sich in diesem Alter längst ins Haus am See zurückgezogen - ohne dass es ihnen jemand verdenken würde. James Salter aber sitzt an diesem wunderschönen Maitag im Gastgarten und genießt in Salzburg die Aussicht auf Schloss Leopoldskron. Salter hat in Frankreich gelebt und früher zahlreiche Reisen nach Europa unternommen; am liebsten mit dem Schiff, denn bizarrerweise leidet der ehemalige Kampfpilot, der in Korea im Einsatz war, in Linienmaschinen unter Flugangst - schließlich gebe es ja auch keinen Fallschirm und keinen Schleudersitz.

Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, den er am 10. Juni begeht, hat sich Salter von seinem deutschen Verleger, Arnulf Conradi, noch einmal zu einer Lesereise überreden lassen: "Er ist sehr großzügig und bringt uns in Hotels mit Badezimmern unter - it's a pleasure", meint der kleine, immer noch sportlich wirkende Herr in Fischgrätsakko und Sneakers.

Mit dabei hat Salter sein jüngstes in deutscher Übersetzung erschienenes Buch, den Erzählband "Letzte Nacht", der vor vier Jahren im amerikanischen Original erschienen ist ("Last Night"). Die deutschsprachigen Länder sind ein besonderes Pflaster für ihn - weniger, weil Salter in Deutschland stationiert war, als vielmehr deswegen, weil ihm hier eine erstaunliche zweite Karriere gelungen ist. Der Berlin Verlag löste 1998 mit der Übersetzung des Romans "Lichtjahre", der damals immerhin schon 23 Jahre auf dem Buchrücken hatte, einen richtiggehenden Salter-Boom aus, der noch im selben Jahr mit dem bereits 1967 publizierten Roman "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" mit neuer Nahrung versorgt wurde. Mittlerweile liegen bei Berlin acht Bücher Salters vor, unter anderem die Biografie "Verbrannte Tage", die der Autor selbst lieber als "wahren Roman" bezeichnet.

"Literatur ist wahr, aber nicht zur Gänze", erklärt Salter im Interview. Immer wieder greift er in seinen Büchern auf die Realität zurück, ohne dabei großen Fiktionalisierungsaufwand zu betreiben. Die junge Französin, die in "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" mit einem jungen Amerikaner aus reichem Hause alle Spielarten körperlicher Liebe durchdekliniert, hat es wirklich gegeben, und auch Nedri, die Frau des tieftraurigen Scheidungsromans "Lichtjahre", wurde sozusagen "nach der Natur" entworfen.

Für die Geschichten aus "Letzte Nacht" hat Salter auf Menschen und Situationen zurückgegriffen, deren außerliterarischer Anlassfall im extremsten Falle ein halbes Jahrhundert zurückliegt: Salter, damals Leutnant bei der Luftwaffe, wurde angehalten, mit einem Kameraden zu reden, der offenbar Probleme mit seiner Frau hatte. "Ich habe ihn nie wieder gesehen und habe keine Ahnung, was mit ihm passiert ist. Und vor einigen Jahren, während einer Beerdigung, dachte ich wieder an ihn."

Ein Militärbegräbnis ist auch der Anlass, bei dem sich Newell, Protagonist der gerade mal sieben Seiten umfassenden Kurzgeschichte "Arlington", an seine Zeit als junger Soldat und an seine tschechische Frau erinnert, die ihn bald verlassen hat: "Er würde die Tage mit Jana auch nie wieder erleben. Er erinnerte sich in dem Moment an sie, daran, wie sie gewesen war, so schlank und jung. Er war ihr treu. Es war einseitig, aber das war genug."

In größter Knappheit und einer mitunter ans Spartanische grenzenden Lakonie erzählt Salter - wie schon in dem vorangegangenen, 1989 mit dem PEN/Faulkner-Award ausgezeichneten Erzählband "Dämmerung" - von Abschieden, Trennungen, vom Tod. Ein guter Autor müsse, so meinte Graham Greene einmal, "einen Splitter Eis" in seinem Herzen haben. James Salter aber will die Verantwortung für den melancholischen, wenn nicht tragischen Ton seiner Erzählungen nicht ganz alleine übernehmen: "Man muss selber gar nicht grausam sein, sondern nur ein guter Beobachter. Das Leben zeigt dir schon, was es zu schreiben gibt."

In "So viel Spaß" etwa führt Salter einige junge Frauen zusammen, die trinken, tanzen, aufgekratzt über Männer und Analverkehr plaudern. Als Jane die Party verlässt, bricht sie in Tränen aus und erklärt dem Taxifahrer, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt sei. Der Taxifahrer hat seine Zweifel: "Aber was, wenn sie die Wahrheit sagte, fragte er sich." Ein Zweifel, den der Autor dem Leser nicht wirklich gestattet: "Wenn jemand meint, er sei sich da nicht ganz sicher, denke ich, dass er die Geschichte nicht sorgfältig genug gelesen hat. Es gibt ja nicht viel Zusatzausstattung in diesen Erzählungen, also sollte man schon ein bisschen Obacht geben, sonst übersieht man etwas. Ein Roman hat eine soziale Matrix, Nebenfiguren, Abschweifungen ... alles Mögliche. Eine Short Story hingegen ist wie eine Uhr: Dieser Teil greift in diesen, versetzt ihn in Drehung ..."

Das Uhrmacherhandwerk beherrscht Salter wie wenige andere. Wie Tschechow, den er gerne zitiert, vermag er mit wenigen Sätzen Figuren zum Leben zu erwecken und den Leser für sie zu interessieren - auch wenn dieser kein Angehöriger der amerikanischen Upper Class ist, aus der sich üblicherweise Salters Charaktere rekrutieren. Für Lifestyle- und sonstige Details hat der Autor ohnedies relativ wenig übrig: "Ich gehöre sicher nicht zu jenen Schriftstellern, die ihre Figuren mit einem Abriss ihrer Epoche ausstatten, höchstens zu jenen, die dem Leser vielleicht ein paar interessante Geschichten erzählen und ihnen einen kurzen Blick in die Herzen der Menschen gestatten." Selbst bei der zeitlichen Eingrenzung kommt Salter mit minimalen Angaben aus. Ob sich die Handlung nun in den Sechzigerjahren des vergangenen oder zu Beginn des laufenden Jahrhunderts abspielt, ist nicht von Relevanz: ",Zeitgenössisch' ist das korrekte Wort."

Manche haben Salter als einen Mann beschrieben, der aus einer Epoche stammt, in der es noch echte Männer gab. Er selbst kann dieser Einschätzung nur bedingt zustimmen: "Bestimmte Moden ändern sich, aber die wirklich fundamentalen Dinge nicht. Und was ich über Mann und Frau weiß, ist so modern und auf der Höhe der Zeit wie das, was Leute denken, die mir vorwerfen, aus den Fünfzigern zu stammen. Gut, wenn die Frauen die Männer endgültig loswerden und wir in einer eingeschlechtlichen Welt leben, dann wird das alles ein bisschen lächerlich aussehen, aber die Idee, dass ich ein Relikt der Fünfziger- und Sechzigerjahre bin, kann ich nicht wirklich akzeptieren."

Mit achtzig Jahren betrachtet Salter die politischen Beben und Zuckungen des Zeitgenössischen als einer, der schon viel gesehen hat. Man kann das als Gelassenheit, Erfahrung oder auch Gefühllosigkeit interpretieren. Oder einfach als die Sichtweise eines Autors, der der genauen Beobachtung immer den Vorzug vor der kommentierenden Bewertung geben wird. Auch im Falle des Irakkriegs: "Mir scheint das Leben ziemlich dasselbe zu sein wie zuvor. Bush ist vielleicht töricht, aber nicht doof. Er oder seine Berater haben etwas sehr Kluges getan: Es gab keinen Einberufungsbefehl; es gibt keine neuen Steuern, keine wie auch immer gearteten Engpässe. Also sind die Amerikaner auch nicht wirklich involviert - außer dass sie der Sache langsam müde werden. Bush behauptet zwar ständig, dass er ein großartiger Präsident in Kriegszeiten ist, aber es gibt keinen Krieg! Das ist ein Polizeieinsatz auf unterer Stufe - eine niederschwellige Infektion. Man kann immer noch tanzen."

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2005



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