Geraubte Jahre. Ein Österreicher verschleppt in den Gulag

Herbert Killian


"Austriskij Schwein"

Die unglaubliche Geschichte des Gymnasiasten Herbert
Killian, der dem frechen Sohn eines russischen Besatzungssoldaten
eine Ohrfeige gab und dafür jahrelang im Gulag gedemütigt und
gefoltert wurde.

Für Herbert Killian war der 8. Juni 1947 kein sonniger Tag. Vor
seinem Fenster kreischte eine Horde von Kindern. Der Korneuburger
Gymnasiast, der sich gerade auf die mündliche Matura in Deutsch und
Latein vorbereitet, brüllt aus dem Fenster hinaus, die Kinder sollen
endlich Ruhe geben. Doch die Horde schmeißt mit Steinen gegen
Killians Fenster. Schließlich platzt dem zwanzigjährigen
Kriegsheimkehrer, der schon die amerikanische Kriegsgefangenschaft
hinter sich hat, der Kragen: "Ein kurzer Spurt, dann habe ich einen
Missetäter am Kragen gefasst. Sein angstvoller Aufschrei erstickt in
meiner Hand. Ich zerre ihn zurück in unseren Garten. Zitternd und
bleich steht der Junge vor mir. Der freche Blick in seinen Augen ist
erloschen. Ich schlage ihm mit der flachen Hand drei- oder viermal
ins Gesicht."

Killian hat Pech. Der verprügelte neunjährige Jurij Kondorschikow
ist der Sohn eines russischen Besatzungssoldaten. Zufällig anwesende
Rotarmisten verhaften Killian, ein sowjetisches Militärgericht
verurteilt ihn wegen Rowdytums zu drei Jahren Umerziehung in einem
Zwangsarbeitslager in Sibirien.

Ein halbes Jahrhundert später hat Herbert Killian unter dem Titel
"Geraubte Jahre - Ein Österreicher verschleppt in den Gulag" dieses
"Ereignis" und seine unverhältnismäßigen Folgen beschrieben. Ein
Martyrium, zugleich eine penible Selbstbefragung, die Killian vorerst
nur im Gespräch auf den Punkt zu bringen vermag: Er habe habe das
"Russenkind" wohl aus Wut über die siegreichen Sowjets geschlagen,
die von Goebbels als Untermenschen bezeichnet worden waren und sich
als Besatzungssoldaten "wie Untermenschen" aufführten.

Herbert Killian sucht nach keinen Ausreden, wohl aber nach
Erklärungen: Von der Schulbank weg wurde er mit 16 Luftwaffenhelfer,
mit 18 zur Wehrmacht eingezogen, an der belgischen Front geriet er im
Jänner 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Ein fehlgeschlagener,
dann ein gelungener Fluchtversuch folgen - im Sommer 1945 kehrt er
nach Österreich zurück. Das kriegsbedingte Überspringen zweier
Mittelschulklassen habe ihn damals maßlos überfordert, zur Zeit der
Matura habe er kaum mehr geschlafen.

Dann kam die Watschn.

Nicht nur Killian glaubt sich anfangs noch irgendwie im Recht.
Prügelstrafe war in Österreich zu jener Zeit noch legitim - in der
Hoffnung, bis zur mündlichen Matura wieder in Freiheit zu sein,
bestärkt ihn auch ein sowjetischer Militärjurist. Der Traum, Zoologe
zu werden, wird durch eine ominöse "Charakteristik", ein
Leumundszeugnis zunichte gemacht: Er wird als "begeistertes Mitglied
der Hitlerjugend" bezeichnet, das "nur aufgrund seines Alters kein
Mitglied der NSDAP" hatte werden können, überdies aber aus einer
"alten nationalsozialistischen Familie" stamme. Killian wird
buchstäblich mit einem Schlag in die Mühlen des Stalinismus gestoßen.
Beschimpfungen wie "Prostitutka" und "Hundsfott" in der Korneuburger
Kommandantur und im sowjetischen Gefangenenhaus in der Wiener
Schiffamtsgasse sowie zahlreiche Prügel sind noch ein vergleichsweise
harmloser Vorgeschmack darauf, was im Zwischenlager im ungarischen
Szopron sowie in Lemberg auf dem Weg nach Sibirien folgen wird.

Von Wachmannschaften und Mitgefangenen malträtiert, gehört der
21-Jährige unter den gefangenen Nazis, von den Sowjets als
"Vaterlandsverräter" verurteilten ehemaligen russischen
Kriegsgefangenen und "Ostarbeitern" zu den Schwächsten. Killian
versucht eine Zeit lang, seinen Stolz unter Beweis zu stellen, indem
der kein Russisch lernt oder über einen Mithäftling, der sich nach
tagelanger Fahrt ohne Verpflegung über stinkende Fischreste am Boden
hermacht, abfällig erklärt: "Lieber krepieren, als so tief sinken."
Später wird Killian schlimmeren Dreck fressen müssen. Vor allem in
Kolyma, einem der düstersten Orte des Archipel Gulag. Das in den
1930er-Jahren zur Erschließung der Gold-, Zinn-, Kohle- und
Uranvorkommen in Russlands Nordosten errichtete System von
Straflagern produziert - allein in den Goldminen im Laufe eines
Winters (1938) 47.000 Tote. In den zehn Jahren ihrer Existenz kommen
in den rund um den Polarkreis befindlichen Lagern circa 700.000
Menschen ums Leben. Herbert Killian verbüßt seine Strafe in diesem
"Auschwitz ohne Krematorium", wie Kolyma in Russland genannt wird.

Von schwerer Ruhr gezeichnet, kommt er in Magadan an, absolviert
sogleich den ersten von mehreren Aufenthalten im Lagerkrankenhaus -
zur Arbeit muss das "austriskij Schwein", 1,80 Meter groß und bis auf
37 Kilogramm abgemagert, trotzdem. Und zwar bei minus vierzig Grad
Kälte. Im steinhart gefrorenen Boden müssen Bohrlöcher gegraben, aus
der Eisdecke Latschen ausgegraben werden: Die Erfüllung der Tagesnorm
gelingt ihm nie. Wer unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen noch
nicht gleich entkräftet stirbt, für den hält die blumige Lagersprache
den Ausdruck "Dochodjaga" bereit: "Verrecker", "Kümmerer", und ein
solcher "lebender Leichnam" ist auch Killian. Überdies sind die
Häftlinge ständig in Gefahr, von den Brigadieren oder den Verbrechern
des Lagers, den "Blatnij" und "Suki", die mafiaartig das Innenleben
des Lagerkosmos kontrollieren, entweder hereingelegt, ermordet oder
zum Lustknaben für diese "Lageraristorkratie" gemacht zu werden.
Killian weiß das zwar zu verhindern - fast alle Versuche aber, die er
im Lauf der drei Jahre unternimmt, selbst etwas zu erreichen,
schlagen auf grausame, fast skurrile Art fehl. Der österreichische
Mithäftling, der ihn darum bittet, ihm die Hand zu brechen, ist zwar
schwer verletzt, wird aber nicht ins Krankenhaus, sondern weiter zur
Arbeit geschickt; beim Versuch, die leichtere Arbeit eines
Lagerelektrikers zu bekommen, erweisen sich die sechs Jahre
Physikunterricht im Gymnasium als nutzlos; der Fluchtversuch
schließlich, im irrigen Glauben unternommen, die Kolyma würde in den
Pazifik fließen und von dort ließe sich ein Weg nach Japan finden,
endet wieder nur im Lager.

Als er neun Tage ohne Nahrung durch die Wildnis torkelt, macht
Herbert Killian eine ihn bis heute prägende Erfahrung. "Kein Mensch
noch hatte diesen Boden betreten. Bald lichtet sich der Wald. Soweit
das Auge reicht, eine saftige Wiese, mit mannshohen
Heidelbeersträuchern übersät. Dunkelblau leuchten mir die reifen
Früchte entgegen. Sie sind so groß wie Weintrauben. Noch nie habe ich
so eine herrliche Frucht gegessen." Das Erlebnis dieser Landschaft
lässt ihn - obwohl er damals fast starb - bis heute ins Schwärmen
geraten, vor einigen Jahren erfüllt sich Killian schließlich einen
Traum: Er fuhr noch einmal nach Kolyma und brachte von dort zwei
Setzlinge jener Zirbelkiefern mit, die ihm einmal fast das Leben
gekostete haben; jetzt pflegt er sie sorgfältig auf seinem Balkon.
Vor allem aber hat ihm Russland Religiosität vermittelt. "Ohne diese
Begebenheiten hätte ich wahrscheinlich nie den Glauben gefunden",
sagt Killian. Der liebe Gott mochte ihm geholfen haben, die Hölle des
Lagers zu ertragen. Als er nach drei Jahren schließlich, begleitet
von den guten Wünschen des Lagerleiters, freigelassen wird, darf er
Russland dennoch nicht verlassen. Es folgen drei weitere Jahre als
Sanitäter des Lagergefängnisses in Jagodny: An jedem Wochenende
kommen die Schwerverletzten, da es nach den samstäglichen Saufereien
zu Massenschlägereien kommt, zu "Onkel Killian". Ärzte müssten solche
Verletzungen melden, Killian verbindet einfach. Das Angebot der
sowjetischen "Organe", die ihn einmal nach Magadan zitieren und ihm
vorschlagen, er könnte, wenn er für den sowjetischen Geheimdienst
arbeite, sofort nach Österreich zurückkehren, lehnt er ab. Erst nach
Stalins Tod ist es schließlich so weit: Herbert Killian - einer von
insgesamt circa 2200 Österreichern, die von den Sowjets ins Paradies
der Werktätigen verschleppt wurden - bekommt ein Ausreisevisum in
seine Heimat. Er verkauft das Holzhaus, das er sich gebaut hat,
erreicht gerade noch vor der Wintersperre das letzte Schiff über das
Ochotskische Meer. Nach tagelanger Reise über Chabarowsk, Tschita,
Krasnojarsk kommt er schließlich im November 1954 nach Wien. Die
Odyssee durch Krieg und Straflager zu Ende. Killians Mutter ist in
der Zwischenzeit gestorben, den ins Waldviertel verzogenen Vater
sieht er erst nach einiger Zeit. "Da es noch immer keine vernünftige
Busverbindung von Wien nach Horn gab", erzählt Killian heute lachend,
"sagte ich meiner Schwester: Diese achtzig Kilometer - die gehe ich
doch einfach zu Fuß!'"

Weil er keinen Menschen mehr sehen will, beginnt Herbert Killian
nach seiner Rückkehr als Forstpraktikant in einem herrschaftlichen
Betrieb zu arbeiten, von 1955 bis 1990 ist er Beamter der Forstlichen
Bundesversuchsanstalt Wien, mit einer Arbeit zur Wildbach- und
Lawinenschutzverbauung habilitiert sich der Forsthistoriker
schließlich an der Universität für Bodenkultur. Seine zahlreichen
Arbeiten zu Wald und forstwirtschaftlichen Geräten sieht Killian in
keinem Zusammenhang mit seiner Erfahrung der Zwangsarbeit in
Nordostsibirien, die Dysfunktion seiner rechten Hand aber, die er ab
den 1970er-Jahren nicht mehr als Schreibhand benutzen konnte, sehr
wohl. Mühsam lernte er mit der Linken zu schreiben; mühsamer noch sei
es aber gewesen, sich nach dem Gulag wieder in die normale
österreichische Gesellschaft zu integrieren. Das Thema Krieg und
Nationalsozialismus hat ihn, der als Mitglied der
Historikerkommission für Zwangsarbeit in Land- und Forstwirtschaft
zuständig war, nicht mehr losgelassen. Selbst den Jungen, den er 1947
geschlagen hatte, fand er nach langer Recherche mithilfe russischer
Bekannter in Leningrad. Das Wiedersehen mit seinem früheren Opfer
brachte zutage, dass sich dieses an die für Killian so fatale Watschn
nicht einmal mehr erinnern konnte. Killians Biografie "Geraubte
Jahre" trägt denn auch die Widmung: "Zur Erinnerung an meinen
verstorbenen Freund Jurij Kondorschikow und alle meine Leidens- und
Weggefährten auf Kolyma." In der Zwischenzeit hat auch der russische
Staat Killian - nein, nicht rehabilitiert: Es wurde bestätigt, dass
seine Straftat nicht den "Charakter der Folter" hatte, sondern, dass
es sich nur um "vorsätzliche leichte Körperverletzung" gehandelt
habe. Das Strafausmaß im heutigen Russland beträgt dafür maximal ein
Jahr Freiheitsentzug.

Erich Klein in FALTER 22/2005



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