Zwanzig Jahre und ein Tag

Jorge Semprun, Elke Wehr


Sex in Zeiten der Diktatur

In seinem jüngsten Roman arbeitet Jorge Semprún noch einmal Bürgerkrieg und Franco-Ära auf - und bleibt erstaunlich milde.

Spanien 1956: Die Wunden des Bürgerkriegs heilen langsam ab. Mancherorts werden sie aber immer wieder aufgerissen. Auf dem Landgut der betuchten Avendaños in Quismondo in der Provinz Toledo zum Beispiel. Da lässt José Manuel, ein Profiteur des Franco-Regimes, dem die Treue zum Generalisimo dazu dient, seine Gier nach Macht, Reichtum und erotischen Abenteuern zu befriedigen, Jahr für Jahr ein rituelles Passionsspiel aufführen.

Im Juli 1936 hatten Tagelöhner und Landarbeiter in den Stunden der Unruhe nach dem Militärputsch José Manuels jüngeren Bruder José María umgebracht. Seither werden auf Geheiß der Familie die Szenen der Gräueltat von den Arbeitern nachgestellt. Ein Ritual, das diesen und ihren Nachkommen ihre Schuld verinnerlichen soll.

1956 ist aber bereits eine neue Generation herangewachsen. Sie will den Toten die ewige Ruhe geben, und bei den Älteren sind die Aufwallungen aus den Dreißigerjahren einem pragmatischeren und versöhnlicheren Lebenszugang gewichen. Deshalb beschließen die Witwe des Opfers, Mercedes, dessen zweiter Bruder José Ignacio, ein Jesuit, und andere Mitglieder des Clans, dass José María Seite an Seite mit einem Aufständischen von damals auf dem Familienbesitz endgültig begraben werden soll.

Ein Ansinnen, dass einem Freund der Familie bitter aufstößt. Roberto Sabuesa ist ein emsiger Politkommissar des Regimes, der den politischen Gegner unterminieren soll. Vielleicht ist er der Einzige, der die Tragweite der Entscheidung, das atavistische Demütigungsritual einzustellen, begreift. "Die Seinen, die Nationalen", sinniert er, sähen tatenlos zu, wie die Früchte des Sieges verloren gingen, "weil die Werte, die ihn ermöglicht hatten, zunichte wurden". In literarischer Aneignung der Realität (das beschriebene Ritual hat es im Nachkriegsspanien tatsächlich gegeben, bloß an einem anderen Ort) zeigt Jorge Semprún, dass die Sitten im Spanien der Fünfzigerjahre gar nicht mehr verfallen konnten: Hinter der katholischen Fassade blühen Unmoral und Laster. Frauen der besten Gesellschaft, die sonntags mit mantillaverhülltem Kopf die Kommunion empfangen, bieten sich unter der Woche in Geheimbordellen als Edelhuren an oder führen die "señoritos" aus dem Bekanntenkreis an langweiligen Nachmittagen in die Wonnen Fleischeslust ein.

Dies bekommt auch Michael Leidson zu spüren, ein junger amerikanischer Historiker mit sephardischen Wurzeln. Er arbeitet an einer Studie über die spanische Republik ab 1931 und den Bürgerkrieg; ein Tipp aus dem Stierkämpfermilieu rund um Ernest Hemingway führt ihn schließlich aufs Gut der Avendaños, wo er von Mercedes und ihrer vertrauten Dienstmagd Raquel bald der "schöne Gringo" genannt wird. Schnell erfährt er, welche erotischen Spielchen (meist zu dritt) der lustigen Witwe seit dem gewaltsamen Tod ihres Mannes abgehen. Michael wird in ein Geflecht von Leidenschaften hineingezogen, in dem sogar der Inzest Platz hat.

Semprún spannt den Bogen von 1936 bis in die Achtzigerjahre und bringt sich damit selbst ins Spiel. Kommissar Sabuesa jagt Federico Sánchez nach, einem Phantom des kommunistischen Widerstands - und Semprúns Deckname im Untergrund. Im französischen Exil hatte sich Semprún der Résistance angeschlossen, 1943 wurde er verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Die KP schloss ihn 1964 als Rebell aus der Partei aus. 1988 bis 1991 war Semprún Kulturminister des sozialistischen Kabinetts von Felipe González. Das mag ihn etwas konzilianter gestimmt haben, denn dem im jüngsten Roman entworfenen Gesellschaftspanorama fehlt es zwar nicht an Dichte, sehr wohl aber an Schärfe.

Wobei der Titel anderes verheißt. Wer unter Franco zu "zwanzig Jahren und einem Tag" verurteilt war, wurde im Gegensatz zu den normalen "Zwanzigjährigen" nicht nach guter Führung frühzeitig entlassen. Für Semprún aber scheint das Korsett des Franquismus im Rückspiegel doch nicht so eng gewesen zu sein. Den Eindruck, den man davon gewinnt: Die Menschen waren in ihrer Meinungsfreiheit zwar etwas eingeschränkt, dafür wurde hinter den Kulissen umso mehr gevögelt und konspiriert. Unter "Diktatur" stellt man sich gemeinhin Schlimmeres vor.

Edgar Schütz in FALTER 22/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×