nutzt gar nichts, es ist Liebe

Wiglaf Droste


Politisch ambitionierte Lyrik ist out. Dafür haben Scherzgedichte Konjunktur. Zum Beispiel von Wiglaf Droste, dem Berliner Anarcho-Kolumnisten und -Provokateur, der mit seinen fast 45 Jahren immer milder polemisiert und im Gegenzug immer dreistere lyrische Scherze um nichts treibt. "Nutzt gar nichts, es ist Liebe", heißt seine neue Guten-Morgen-Fibel, deren Highlights an Heinz Erhard, den Zenit der Albernheit, heranreichen. Auf dem Klo deponiert - und der Tag ist dein Freund. "Faulsein kostet reichlich Kraft: / Man liegt da und ist geschafft", stöhnt es aus den viel zu kurzen 160 Seiten. "Man liegt da und denkt verpennt: / Puuh, ist Faulsein anstrengend". Soll man lamentieren, dass verschmitzter Witz-um-des-Witzes-Willen doch mit Fernsehen, Comic und Kabarett schon genug Medien hat und nicht auch noch das Lyrikbiotop überwuchern darf? Oder soll man sich dem Zauber kindlicher Wortklauberei ergeben und sich dabei zehn Jahre alt fühlen - unbekümmert und konventionsfrei?

Die Erinnerungen, die Jürg Halter mit Versen wie: "Ein Kanute steht / im Sommerbachbett / ohne Wasser - was jetzt?", auslöst, sind weniger angenehm. Wer sich seinen Scherzen ergibt, wird daran erinnert, mit zehn peinlich altklug gewesen zu sein. Mit dem Charme eines der Welt entrückten Hypochonders hat sich der Berner Spoken-Word-Clown, der Zunge, Lippen und Hände im Schneckentempo oder noch langsamer bewegt, einen Stammplatz in der internationalen Poetry-Slam-Szene erspielt. Wo immer er auftaucht, liegt das Publikum unter den Stühlen. Doch sobald die Performance fehlt, bleiben nur Worthülsen, deren absichtsvoller Sinnlosigkeit das Konzept fehlt. Man kann nur staunen über den Mut des Züricher Ammann-Verlags, "Ich habe die Welt berührt" als ein Debüt anzupreisen, "wie man es sich nur wünschen kann". Felix Austria gehört zu den Bastionen, in die der Kult des Poetry-Slams noch nicht recht vordringen konnte - eine literarische Spielart, bei der es tatsächlich zweitrangig ist, ob ein Autor auch schreiben kann. In Anbetracht von Versen wie: "Du Seegras / unserer Tasse. - Einer riecht den dicken Braten, ein anderer / legt dem Papst verspätet das bestellte Besteck nach", kann man dazu nur gratulieren.

Martin Droschke in FALTER 22/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×