Cultural Hacking. Kunst des strategischen Handelns

Thomas Düllo, Franz Liebl


Stadt ohne Schrift

Der öffentliche Raum quillt über vor kommerziellen Botschaften. Künstler machen dagegen auch in Wien mobil. So erklären der Typograf Rainer Dempf und der Künstler Christoph Steinbrener die Neubaugasse ab 6. Juni zur werbefreien Zone. Zwei Wochen lang werden Reklametafeln, Plakate und Transparente mit gelben Folien überklebt. Das Projekt nennt sich "Delete" (Löschen) und hat sich die "Entschriftung des öffentlichen Raumes" zum Ziel gesetzt. Für die beiden geht es aber eigentlich eher um das Markieren als um das Löschen, nicht um Zerstörung, sondern um eine Bestandsaufnahme. Wie viel Werbung hat die Stadt? Statt Weiß oder Schwarz wurde daher Gelb als Deckfarbe gewählt. Der Aktion liegt die Empörung darüber zugrunde, dass die Firma Gewista an den besten Plätzen der Stadt Rolling Boards installieren darf, ohne dass es eine öffentliche Diskussion über die kommerzielle Besetzung öffentlichen Raumes gegeben hätte. Der erste, zerstörerische Impuls wurde schließlich zu einem strafrechtlich unbedenklichen Projekt sublimiert.

Der junge Linzer Künstler Gregor Graf malte in der Bildserie "Hidden Town" (2004) Stadtansichten ohne Werbungen. Sie wirken gespenstisch leer. Für Dempf/Steinbrener war es wichtig, im realen Raum zu arbeiten. Erst musste jeder einzelne Geschäftsmann vom Sinn des Projektes überzeugt werden. Das gelang mit dem Argument, dass sich die Neubaugasse dadurch von der stark frequentierten Mariahilfer Straße absetzen könne. Keine Werbung ist manchmal eben die bessere Werbung.

Der Anzeigenstürmer Kalle Lasn (vgl. Falter 18/05) würde das Projekt als "Culture-Jamming" bezeichnen, die beiden Wiener Künstler Otto Mittmanngruber und Martin Strauß als "Cultural Hacking". Beides meint dasselbe, das subversive Umdeuten vorhandener Zeichen. In dem neuen Sammelband "Cultural Hacking" stellen Mittmanngruber und Strauß ihre Kunstprojekte vor. Auf die Überfülle von Werbeplakaten reagieren sie mit eigenen Botschaften, druckten in "Monolog des Vertrauens" (1995) die Namen von Unternehmen auf Plakate: Ohne Logo und Typografie wirkten sie seriell und zogen keine Aufmerksamkeit auf sich. In der Plakataktion "Schokomonolog" (2003) bildeten sie Schokoriegel ab, in die statt der Logos von Schokofirmen jene von Visa oder Olivetti zu sehen waren. Werbung ist verführerisch, so die Botschaft, macht aber nicht wirklich satt. W.J.T. Mitchell (siehe Interview oben) würde dazu sagen: "Bilder wollen gelutscht werden."

Thomas Edlinger in FALTER 22/2005



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