What Do Pictures Want?. The Lives and Loves of Images

W.J.T. Mitchell


"Bilder wollen Liebe"

Was haben der Papst und Lady Di gemeinsam? Warum ist ein Schaf im Schafspelz bedrohlicher als ein Wolf? Der US-Bildforscher W.J.T. Mitchell erklärt die mythische Bedeutung von Bildern.

Mit dem Slogan "Image is everything" warb der Tennisspieler Andre Agassi vor 15 Jahren für die Kameramarke Canon. "Bilder sind nicht alles", sagt der Bildforscher W.J.T. Mitchell, 65, Professor für Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft an der Universität von Chicago, "aber sie trachten danach, uns davon zu überzeugen, dass sie es sind." Mit dem Begriff "Pictorial Turn" (so hieß ein Aufsatz in seinem 1994 erschienenen Buch "Picture Theory") prägte Mitchell eines der akademischen Schlagwörter des letzten Jahrzehnts. Er lieferte damit das theoretische Rüstzeug für die Analyse der von Kulturpessimisten beklagten, von Medienutopisten bejubelten Bilderflut.

Bilder lügen, lautet eine philosophische Binsenweisheit, die sich hartnäckig behauptet, von den als Schein entlarvten Schattenbildern aus Platons Höhlengleichnis bis zur Simulationstheorie der Postmoderne. Auch die Kunstgeschichte misstraut Bildern außerhalb ihres Kanons. Dabei haben Fernsehen, Werbung, Naturwissenschaft oder Internet die Welt längst zum Bild gemacht. Zum besseren Verständnis der visuellen Kultur entwickelte sich eine neue, fächerübergreifende Disziplin, Bildwissenschaft oder "Visual Studies" genannt. Mitchell ist einer ihrer wichtigsten Denker.

Die Einführung von Mitchells Gedanken in den deutschsprachigen Raum hat ein Problem. Das deutsche Wort Bild unterscheidet nicht zwischen den englischen Wörtern "picture" und "image". Um es einfach zu sagen: Das eine Bild kann man an die Wand hängen, das andere nicht. Ein Rembrandt hat einen Holzrahmen, das Image eines Markenprodukts nicht. Gerade um die von mental gerahmten Bildern ausgelösten Emotionen der Zuneigung und der Angst geht es aber bei Mitchell.

Die New Yorker Stadtzeitung The Village Voice schlug ihm beim Erscheinen der "Picture Theory" einen besseren Titel vor, nämlich "What Do Pictures Want?" ("Was wollen Bilder?"). Mitchell griff diese Idee auf und nennt so sein demnächst erscheinendes Buch. Die angebliche profanen Gegenwart habe, so die zentrale These, ein mythisches Verhältnis zu Bildern. Sie würden wie im Götzendienst verehrt oder im Bildersturm (Ikonoklasmus) zerstört. Mitchell betrachtet Bilder als "living pictures", als Lebewesen mit menschlichen Bedürfnissen: Sie wollen liebkost werden wie jene byzantinischen Ikonen, die unter den Berührungen der Gläubigen unkenntlich wurden, oder sie wollen, wie die Rekrutierungsposter, dass wir fürs Vaterland sterben. Und wenn einer seiner Studenten wieder einmal die animistische Qualität von Bildern infrage stellt, empfiehlt er ihm, das Porträt seiner Mutter zu zerschneiden.

Falter: Vor wenigen Wochen erlebten wir die Medienberichte über den sterbenden Papst. Was sagt der Bildwissenschaftler dazu?

W.J.T. Mitchell: Die katholische Doktrin unterscheidet zwischen der Anbetung und der Verehrung von Bildern. Man darf das Bild als Objekt der Liebe, nicht aber als Gott selbst verehren. Es gibt aber Leute, die vom Papst so hingerissen sind, dass sie sein Bild anbeten. Das ist die falsche Antwort. Die richtige Antwort lautet wohl: Die Bilder wollen Liebe. Verblüffend war in diesem Zusammenhang auch, dass das Begehren einem antiken Brauch folgte, nach dem der Körper des Heiligen im ganzen Römischen Reich verteilt wurde. Krakau wollte sein Herz, andere Gemeinden wollten weitere Körperteile.

Offenbart die Reaktion auf den Papsttod versteckte religiöse Bedürfnisse, oder ist es ein Medienevent wie der Tod von Lady Diana?

Sie ist insofern mit dem Tod von Lady Di vergleichbar, als die Massenmedien eine Feedbackschleife erzeugen. Je mehr Berichterstattung umso mehr Interesse und umgekehrt.

Möglicherweise auch mehr Interesse daran, zum realen Ort des Geschehens zu gehen?

Das Fernsehen liefert einem die realen Bilder in Echtzeit, dennoch gibt es das Bedürfnis, vor Ort zu sein, auch wenn man eigentlich weniger sieht als die Fernsehkamera.

Das Fernsehen ergänzt also die Wahrnehmung ...

... sofern noch ein Hotelzimmer frei ist. Dass Medien eine Feedbackschleife erzeugen, gehört zur religiösen Erfahrung. Man sieht das etwa im Islam: Das Wissen, dass sich Millionen Menschen versammeln, intensiviert die religiöse Erfahrung. Sie wird vom Fernsehen also nicht säkularisiert, im Gegenteil.

Sind die Bilder des toten Papstes also "living pictures", auch wenn das etwas paradox klingt?

Ja. Es ist, als hätte sein langes Sterben sein Image noch lebendiger gemacht. Das ist ein mysteriöser Vorgang. Je mehr sich eine berühmte Person ihrem Tod nähert, umso mächtiger wird das Image. Im Leben weilt sie unter uns, spricht mit uns und ist daher nicht so interessant. Im Tod wird sie gleichsam als Bild wiedergeboren.

Der Papst war ein Popstar wie die Rolling Stones. Auch Mick Jagger wird wohl noch auf der eigenen Beerdigung auftreten wollen.

Mick Jagger sagte irgendwann einmal, er würde nach seinem vierzigsten Lebensjahr keinen Rock 'n' Roll mehr machen. Jetzt ist er über sechzig und immer noch dabei. Prominente, Stars, Popikonen sind in ihrem Image gefangen. Die Leute sehen in ihnen nicht mehr, wer sie sind, sondern was sie sind: ein Stereotyp, das es zu verkörpern gilt. Jeder Ausbruchsversuch wird als störend wahrgenommen.

In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich mit der mythischen Dimension von Bildern. Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein Jahr, nachdem die US-Armee im Irak einmarschiert war, wurde Saddam Hussein gefangen genommen. Im Fernsehen waren Bilder davon zu sehen, die ihn bei einer zahnärztlichen Kontrolle zeigten. Man konnte im Scheinwerferlicht in seine Mundhöhle blicken. Der Mann, der als Hitler, als das Böse schlechthin dargestellt worden war, wurde erniedrigt, als wollte man dessen attestierte Monstrosität buchstäblich durchleuchten. Später wurde mir bewusst, dass das Militär eine DNA-Probe nehmen wollte, um zu überprüfen, ob es auch wirklich Saddam Hussein war. Verständlicherweise, denn die Aktion hätte wenig Sinn gehabt, wenn es sich um einen Doppelgänger gehandelt hätte.

Als ein weiteres Beispiel für ein mit Gefühlen besetztes Bild nennen Sie das Klonschaf Dolly. Warum wurde ein Schaf zur Ikone des Klonens, nicht eine Maus oder eine Ameise?

Als Lamm Gottes, das die Welt von der Sünde befreit, ist das Schaf eine religiöse Ikone. Zu seiner Ikonografie gehört das Opfertier, das zur Schlachtbank geführt wird. Es wird mit Wohltätigkeit assoziiert: Das Schaf ist harmlos, unschuldig und unbefleckt. Eine Maus oder eine Ratte haben diese Konnotationen nicht. Unheimlich an Dolly ist das Bild vom Wolf im Schafspelz. Dem Foto sieht man ja nicht an, dass es sich um einen Klon handelt; es schaut aus wie jedes andere Schaf. Es ist also kein Wolf im Schafspelz, sondern ein Schaf im Schafspelz - das ist noch viel bedrohlicher, weil es unsere Fähigkeit, zwischen dem makellosen, guten Tier und dem technowissenschaftlich generierten Monster zu unterscheiden, infrage stellt.

Heißt das, dass Bilder immer das wollen, was der Betrachter in sie hineinprojiziert?

Manchmal deuten Bilder lediglich etwas an. Sie fragen einen danach, was sie sind, sie wollen vervollständigt werden. Das ist ein elementarer Bestandteil von Bildwahrnehmung. Leonardo da Vinci hat gesagt, die beste Übung für einen Maler besteht darin, auf Flecken im Putz von Mauern zu blicken. Dann fängt man an, in diesem zufälligen Muster Figuren zu erkennen, Landschaften, Wolken, Pferde.

Der Begriff Ikonoklasmus impliziert die Vorstellung, dass Bilder zerstört werden. Ist es überhaupt möglich, ein Image zu zerstören, oder kann der Ikonoklasmus es lediglich verändern?

Ja, eben deshalb unterscheide ich zwischen picture und image. Ein Bild kann zerstört werden. Sie können ein Poster herunterreißen und verbrennen. Als die Taliban die Buddhastatuen in die Luft sprengten, haben sie die Statuen zerstört, aber die Images haben weitergelebt. Sie werden aufgezeichnet, beschrieben, in andere Medien übersetzt. Das ist die Paradoxie des Ikonoklasmus.

Ein anderes Beispiel für Bildersturm ist die Verwüstung von McDonald's-Filialen durch Globalisierungskritiker. Kann dadurch das Image von Konzernen nachhaltig beschädigt werden?

Ich halte es für eher kontraproduktiv. In den Demonstrationen gegen die Welthandelsorganisation 1999 in Seattle gab es einen Wendepunkt. Zuerst ist es ganz gut gelaufen, man hat Straßentheater gespielt und die Logos der Welthandelsorganisation parodiert. Dann sind die Anarchisten gekommen und haben gesagt: Wir müssen die Images zerstören. Sie haben begonnen, Kaufhausfenster einzuschlagen und Molotowcocktails zu werfen. Das hat es in der Folge schwer gemacht, Demos zu organisieren, weil die Polizei seitdem eine gute Ausrede hat, öffentliche Versammlungen aufzulösen.

Soll das heißen, dass symbolische Zeichen vielleicht doch nicht so mächtig sind, wie wir geglaubt haben?

Wenn die Anarchisten geglaubt haben, dass die Bilder in den Schaufenstern Symbole des Kapitalismus, der Mode und des Konsumismus sind, dann haben sie sie durch diese Zerstörungen nur noch mächtiger gemacht. Der Anthropologe Michael Taussig sagt, dass das mächtigste Moment jenes seiner Zerstörung ist. Das war auch nach der Beschädigung der Mona Lisa so. Ich sage also nicht, dass Bilder keine Macht haben, sondern dass ihre Macht davon abhängt, was um sie herum und mit ihnen geschieht.

Woher kommt eigentlich der Wunsch, Gefühle auf Bilder zu projizieren? Sie könnten uns ja auch gleichgültig sein.

Im "Verlorenen Paradies" stellt John Milton die Frage, warum Gott überhaupt auf die Idee kam, eine Gattung wie uns Menschen zu schaffen, obwohl er selbst ja perfekt war. Miltons Antwort hat gelautet: Gott wollte nicht allein sein. Dieser Vorgang wiederholt sich bei Kindern. Ein Kind fängt an, eine Stimme in ein Spielzeug hineinzuprojizieren, es wie einen Freund zu behandeln. Wir folgen einem sozialen Instinkt, indem wir außerhalb von uns etwas schaffen wollen, das dann uns gehört. Allerdings gibt es immer das mit der Schöpfung verbundene Risiko. Gott hat uns erschaffen - und was ist das Erste, was wir tun? Wir rebellieren. Dasselbe passiert bei Bildern, man erzeugt ein Bild, und man weiß nicht, was dabei rauskommt. Daher sage ich, dass sie ein Eigenleben führen. Man kann sie nicht kontrollieren.

Nennen Sie uns ein Beispiel.

Als George W. Bush entschieden hat, dass der Krieg gewonnen war, wollte er ein fotografisches Symbol für den Sieg schaffen. Er ist dafür extra in einem Fliegeranzug auf einem Flugzeugträger im Pazifik aufgetreten. Auf dem Deck stand groß: "Mission accomplished", Auftrag ausgeführt. In den Wochen danach wandelte sich die erhoffte Wirkung dieses Bildes. Seine Bedeutung war nicht mehr die intendierte. Die Reaktion der Menschen auf diese Medieninszenierung war, dass sie gesagt haben: "Dieser Auftrag ist noch lange nicht ausgeführt!"

Thomas Edlinger in FALTER 22/2005



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