Das lyrische Werk

Georg Frena (Hg.), Alois Hergouth, Christian Jungwirth


Nichts an ihm war Literatur

Der Grazer Lyriker Alois Hergouth war über Jahrzehnte hin eine feste Größe im steirischen Literaturbetrieb. Nun erscheint posthum eine Gesamtausgabe seiner Gedichte. Eine Hommage.

Vor sechzig Jahren erschien im Grazer Antifaschistischen Volksverlag ein Buch mit dem Titel "Bekenntnis zu Österreich". Es war kein politisches Manifest, sondern eine Lyrikanthologie. Zu ihren Beiträgern zählte neben jungen Emigranten wie Erich Fried oder Willy Verkauf auch der damals zwanzigjährige Alois Hergouth. Mit diesem "Bekenntnis" begann er seinen langen literarischen Weg, der ihn bisweilen durch unwegsames Gelände führte und zum Einzelgänger machte.

In der Welt, in die Hergouth hineingeboren wurde, spielte Literatur keine Rolle. Seine Eltern, die von slowenischen Häusler- und Bauernfamilien herstammten, waren um die Jahrhundertwende aus der damaligen Untersteiermark nach Graz gekommen und hatten hier Arbeit und - in der Moserhofgasse, der "windischen Herrengasse", wie sie im Volksmund hieß - ein Zuhause gefunden. Die Familie war kinderreich, es fehlte an allem. Der Vater war Maurer, starb bei einem Arbeitsunfall, als Alois vier Jahre alt war.

Kaum hatte er maturiert, sah er sich so wie viele seiner Altersgenossen dazu gezwungen, von der Schulbank direkt auf die Schlachtbank des Krieges zu wechseln. Von Anfang an bemühte er sich, Krankheiten vorzutäuschen, um sich der Front zu entziehen; nach etlichen Untersuchungen und Lazarettaufenthalten war er dem Dritten Reich als Kanonenfutter immer noch gut genug. Gegen Kriegsende schließlich desertierte er. Auf seiner Flucht geriet er im Frühjahr 1945 in amerikanische Gefangenschaft, aus der er aber bald wieder entlassen wurde. Nach Graz zurückgekehrt, fand er dort, wo sein Elternhaus gestanden war, einen Bombenkrater vor; aus seiner Familie waren seine Mutter und zwei seiner Brüder noch am Leben.

Hergouth hatte während des Krieges zu schreiben begonnen, nun bekam die Literatur für ihn eine größere Dringlichkeit, galt es doch, das im Krieg Erlittene zu bewältigen und schreibend an der Gestaltung eines neuen demokratischen Gemeinwesens teilzunehmen. Damals begann er auch, ebenso bildungshungrig wie ziellos zu studieren. Da er in Geldnot geriet, verließ er die Universität, und begann für Zeitungen zu arbeiten. Seine Zeit als Journalist war zugleich die Phase seines politischen Engagements: Wie seine Brüder war auch er der KP beigetreten und schrieb nun für deren Grazer Organ, die Wahrheit, Artikel, daneben aber auch für die sozialdemokratische Neue Zeit. Damals gehörte er zu den wenigen, die die Erinnerung an den 1943 in Berlin hingerichteten Grazer Widerstandskämpfer Richard Zach wach zu halten suchten. Er schrieb über ihn und bemühte sich um die Verbreitung der vielen Hundert Gedichte, die Zach in der Kerkerhaft abgefasst hatte.

Liest man einige der frühen Gedichte Hergouths, die durchgehend gereimt und in Strophen gebaut sind, so kann man darin zwar den damals allgegenwärtigen starken Einfluss Rilkes wahrnehmen; viel wichtiger aber war für den jungen Lyriker, vor allem in ethischer Hinsicht, das Vorbild Zachs, aus dessen Zellengedichten Trotz und Aufbegehren ebenso sprechen wie die Liebe zum Leben und der Glaube an eine demokratische Zukunft. Hergouth kam, wie Zach, aus der Arbeiterschaft; durch den Krieg war er zum entschiedenen Pazifisten geworden. Sein Blick auf die Welt war nüchtern. Von analytischer Schärfe geprägt sind auch etliche der Gedichte, die er in der Nachkriegszeit schrieb; etwa das folgende, das den Titel "Konstruktion" trägt: "Aus dem Soll und dem Haben/ wächst das Gerüst. / Aus dem größeren Haben/ das größere Soll, / immer höher/ von Stockwerk zu Stockwerk./ Aus schwieligen Händen in schmutzige Hände. / Aus schmutzigen Händen/ in blutige Hände. / Aus blutigen Händen ins Nichts."

Die Gedichte in Hergouths ersten beiden Sammlungen, "Neon und Psyche", erschienen 1953 im Grazer Stiasny-Verlag, und "Schwarzer Tribut" von 1958, sind meilenweit entfernt von der hohlen, verlogenen Klassizität, die sich "zeitlos" dünkte, und der restaurativen Idyllenmalerei, wie sie damals die literarische Produktion, insbesondere jene der Steiermark, weitgehend bestimmten. Es ist eine heillose, eine geteilte Welt, von der seine frühen Gedichte künden, bewohnt von Geschäftemachern, Zynikern und Paranoikern.

Trotz aller Enttäuschungen - auch vom Kommunismus wandte er sich bald wieder ab - hat Hergouth sich ein Pathos der Brüderlichkeit bewahrt. Das menschliche Gesicht ist ihm nie zur Fratze geworden, und zu dichten bedeutete für ihn nicht, Linguistik mit den Mitteln der Poesie zu betreiben, nicht die Sprache zu zertrümmern, sondern ihr jene Würde und Integrität, die ihr durch den Faschismus geraubt worden waren, zurückzugeben. Experimentelle Schreibformen lehnte er konsequenterweise ab, und zum "Forum Stadtpark", das er mitbegründet hatte, ging er auf Distanz, als dort - Mitte der Sechzigerjahre - die Ästhetik der Wiener Gruppe tonangebend wurde.

Zu jener Zeit war der Protest mehr und mehr der Melancholie gewichen, und mühelos gelangte er zu einer Poesie des vorbehaltlosen Schauens. Viele der Gedichte, die den typischen, unverwechselbaren Hergouth-Ton aufweisen, sind Ergebnisse dieses Schauens. Die Grenzen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft werden aufgehoben; was zwei Jahrtausende zurückliegt, wird plötzlich, einen Augenblick lang, lebendige Gegenwart, wie etwa in den folgenden Versen des Bandes "Stationen im Wind" (1973): "Gestautes Gelb/ das in der Höhlung heißer Gassen steht/ Der Schatten schneidet scharfe Rillen/ Das Pflaster raucht/ Sekundenlang/ im Hufschlag kleiner wilder Pferde/ bricht die Zeit / Metallisch klirrt der Schritt/ der römischen Legionen/ Gestautes Gelb/ das zu den Giebeln fremder Häuser steigt."

Hergouth beherrschte die schwierige Kunst, mit wenigen Worten sein Auslangen zu finden, sich auf wenige Ausdrucksformen zu beschränken und, ohne je zu ermüden, die immer gleichen Kreise zu ziehen. Er hat den Dingen auf den Grund gesehen und sich dabei dennoch einen unbefangenen Blick bewahrt. Bei manchen seiner Gedichte hat man das Gefühl, sie stünden am Anfang der Welt. Sie haben die Frische und Unschuld des ersten Tages, gleichzeitig aber verleugnen sie nicht ihre Herkunft aus einem katastrophischen Jahrhundert,

Das Ursprüngliche, Elementare, Einfache und Ungebändigte, das von der Wegwerfgesellschaft noch nicht Entstellte und Zerstörte fand der Dichter vor allem in Sladka gora, jenem Ort in Slowenien, aus dem seine Mutter stammte. Der 1965 erstmals erschienene Gedichtband "Sladka gora - Der süße Berg" feiert diesen Ort und erschafft damit einen Mythos. Der süße Berg war und blieb fortan in der Welt des Dichters Ausgangs- und Endpunkt zugleich; hier schloss sich für ihn ein Kreis, hier war für ihn ein - wenn auch noch so befristetes - Bleiben möglich.

Alois Hergouth hat viele Rollen ausgefüllt: jene eines Journalisten, jene eines Universitätsassistenten der Volkskunde, jene eines Aktivisten im Kulturbetrieb und jene eines politisch engagierten Menschen. Vor allem aber war er eines: eine poetische Existenz. Nichts an ihm war Literatur, alles Poesie.

Christian Teissl in FALTER 21/2005



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