A Long Way Down

Nick Hornby


Pizza ex machina

Nick Hornbys jüngster Roman "A Long Way Down" führt ungleiche Selbstmordgefährdete zusammen und wartet auf seine Verfilmung.

Nick Hornby, Jahrgang 1957, ist die Verkörperung des guten Briten - british, but nice. Er ist Fußballfanatiker, aber kein Hooligan, sondern selbstironischer Proponent einer freundlich abgesofteten lad culture, die einem kein Bierglas über den Schädel zieht, sich allerdings auch noch nicht völlig ins Metrosexuelle verflüchtigt hat; vor dem narzisstischen Selfstyling eines David Beckham ist er schon seines schütteren Haupthaars wegen gefeit.

Nick Hornby schreibt das, was die Briten lad lit, also "Bubenbücher" nennen (im Gegensatz zur chick lit). Es geht ziemlich oft um Fußball ("Fever Pitch"), sehr oft um Popmusik und deren Transformation in ein Instrument (männlichen) Auskennertums ("High Fidelity", "31 Songs"). Hornbys Protagonisten sind freilich auch stets bemüht, an sich zu arbeiten, um eventuell vom ewigen Buben doch noch die Kurve zum verantwortungsbewussten Mann zu schaffen ("About a Boy", "How to be Good").

In seinem soeben erschienenen fünften Roman hat der Autor sogar streng auf Geschlechterparität geachtet. "A Long Way Down" versammelt zwei Männer und zwei Frauen zu Silvester am Dach eines Hochhauses und folgt damit der alten Regel, derzufolge es nicht nur im Fußball, sondern auch in der Literatur effektiv ist, die Räume eng zu machen: vier ziemlich verschiedene Menschen, einmal nicht in einem Boot, einer abgeschiedenen Hütte oder einem Zug, sondern auf dem Dach, das sie allerdings alle nur betreten, um sich in den Tod zu stürzen. Das misslingt zunächst auf tragikomische Weise: Martin und Maureen haben technische Probleme mit der Leiter, hindern anschließend Jess daran zu springen, und schließlich taucht auch noch JJ auf und fragt, ob jemand eine Pizza bestellt habe.

Verständlich, dass unter solchen Umständen der ideale Zeitpunkt zur Selbstauslöschung verpasst wird. Die vier verhinderten Selbstmörder müssen von jetzt an irgendwie weitermachen - bloß wie? Ein Problem, das sich auch dem Roman stellt. Man bricht gemeinsam auf, um Chas zu suchen, der sich auf irgendeiner Party irgendwo in London herumtreiben soll und der Anlass für Jess' suizidale Anwandlung ist. Dass diese Mission überraschend schnell erfüllt ist und an der Lage der vier Protagonisten gar nichts ändert, gehört noch zu den größeren Überraschungen, die "Long Way Down" für den Leser bereithält.

"Man hätte sich über jeden von uns vieren lustig machen können; man kann sich über jeden lustig machen, der unglücklich ist, man muss nur grausam genug sein", erklärt sich das 18-jährige Ministertöchterl Jess, diese dauertourettierende "Kodderschnauze", mit einer Sentenz, die wortwörtlich aus einem Notizbuch stammen könnte, in dem der Autor erste Überlegungen zum Roman skizziert hat. Allzu durchschaubar läuft "A Long Way Down" auf ein versöhnlich Allgemeinmenschliches hinaus: Seht her, ein jeder hat sein Binkerl zu tragen, ob er nun ein heruntergekommener TV-Moderator ist, der mit einer 15-Jährigen geschlafen und seine Ehe verbockt hat (Martin); ob es eine in die Jahre gekommene Mutter mit einem komatösen Sohn (Maureen) oder ein verkrachter Rockmusiker ist, der über die Auflösung seiner Band und die Trennung von der Freundin nie wirklich hinweggekommen ist (JJ).

Der Roman hat weder den Mut zur Farce noch zur Tragödie, entscheidet sich stattdessen für den müden Mittelweg: Vier Figuren, deren je individuelle Ausstattung mit Schicksal und Charakter ebenso schematisch wie überschaubar ist, erklären sich in einander abwechselnden Monologen dem Leser, ohne dabei das Ausmaß dessen, was man schon von Anfang an irgendwie vermutet hat, entscheidend zu überschreiten. Die routinierten rhetorischen Späßchen, die den Protagonisten - auf keineswegs immer überzeugende Weise - in den Mund gelegt werden, sind ebenso wenig angetan, über das konventionelle Korsett des Romans hinwegzutäuschen, wie die oft sichtbar am englischen Idiom klebende Übersetzung ("Puh. Das ist ja echt kranke Scheiße").

"A Long Way Down" scheint bereits ganz auf die Verfilmung hin geschrieben, die allen Hornby-Romanen verlässlich folgt. Die Rechte hat sich Johnny Depp gesichert. Er wird vier sehr gute Schauspieler brauchen - und einen verdammt guten Drehbuchautor.

Klaus Nüchtern in FALTER 21/2005



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