Der Weltmeister

Herbert Achternbusch


Reimt sich nicht so glatt

Der bayrische Tausendsassa Herbert Achternbusch ist im Grazer Literaturhaus mit Text und Bildern zu Gast.

Den Maler und Schriftsteller Achternbusch präsentierte das Literaturhaus letzte Woche mit der Vernissage seines Bilderzyklus "Ab nach Tibet" und einer Lesung aus seinem neuen Buch "Der Weltmeister". Dass dem Lebenswerk des filmemachenden Poeten nicht gerecht wird, wer es in nur eine Schublade zu stecken versucht, wurde hier sehr anschaulich klar.

Zwar blitzten während der Lesung durch den Schauspieler Johannes Silberschneider das "Erbe Karl Valentins" ebenso auf wie die "skurril-surrealistischen" Züge, die Achternbuschs Filmen so oft bescheinigt werden, doch der Text erschöpft sich nicht in diesen Charakteristika. Den passenden Rahmen für die Lesung bildete die Präsentation der scheinbar naiven Bilder aus dem Jahr 1993. "Natürlich sind die Bilder erzählend in dieser Reihenfolge. Es reimt sich halt nicht so glatt, wie wenn du schreibst", beschreibt Achternbusch den Unterschied zwischen Literatur und seinen Malereien auf "Löschpapier", wie er die schweren Bütten nennt, die er verwendet.

Der in Anwesenheit des Autors gelesene Text kann als Beitrag zum Gedenken an das Kriegsende verstanden werden: Hitler in der Jetztzeit, zu Gast bei einer bayrischen Familie. Hitler und eine Verehrerin. Hitler in grotesker Wiederholung eines Kindheitsrituals beim Leistungsfurzen. Hitler, der die Auswanderung nach Israel plant. Hitler über seinen jüdischen Zahnarzt. Die Familie, so viel ist klar, ist die Achternbuschs.

Das Motto des "Theaterstücks zu Adolf Hitler", erschienen in der Bibliothek der Provinz, ist: "Weltmeistersüchtig wie sie sind, erkennen die Deutschen die wahre Sachlage nicht, in der sich ihre Seelen befinden: Sie haben Adolf Hitler über alles geliebt und kennen die Liebe nicht mehr." Der letzte Satz, den Silberschneider vorträgt, lautet: "Das Leben ist zu kurz für die Liebe." Die Spannung zwischen diesen beiden Aussagen, zwischen Travestie und Tragik, entwickelt sich freilich um einiges komplexer, als man es im Bereich des auch Satirischen gemeinhin für möglich hält. Geradezu einen Charakter erhält dieser Hitler hier, nicht, um "das Böse verständlich" zu machen, sondern um die Liebe der Deutschen zum Führer so naturwüchsig, ekelhaft und selbstverständlich zeigen zu können, wie sie war. Neben der aufklärerischen kommt auch eine "magische" Ebene in dem Stück vor, in der das Malen die gemalte Welt verändert. Dass eine Ebene die andere nicht entwertet, zeigt die Könnerschaft Achternbuschs.

Stefan Schmitzer in FALTER 20/2005



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