Adam Haberberg

Yasmina Reza


Tropfen gegen den Tod

Yasmina Reza lässt "Adam Haberberg" in ihrem gleichnamigen Roman stellvertretend für die Generation Mitte vierzig jammern.

Machen wir uns nichts vor: Das Leben ist scheiße. Knallharte, gnadenlose Defäkationsrestriktion gleich zu Beginn, darauf folgend ein kurzes hormonelles Überquellen, das im ausgetrockneten Flussbett einer staatlich beglaubigten Lebensgemeinschaft versickert, dann Steuererklärungen, Haarverlust und Hämorrhoiden. Und als wäre das endlose Mühen und Plagen durch ihn, mit ihm und in ihm noch nicht genug, endet der große Zumutungsmarathon auch noch ausnahmslos tödlich. Es ist ein Jammer.

Auch Adam Haberberg jammert. Haberberg, 47, "kahl, aufgeschwemmt", sitzt im Pariser Jardin des Plantes (genau: Rilkes Panther - "und hinter tausend Stäben keine Welt") und sieht hinter tausend Niederlagen und Demütigungen keinen Sinn mehr. Nicht nur, dass sein letzter Roman von der Kritik schlimmstenfalls ignoriert und bestenfalls verrissen wurde, nicht nur, dass ihn mit seiner Frau Irène außer Unverständnis, Verachtung und zwei Söhnen rein gar nichts mehr verbindet, nein, jetzt zwinkert Haberberg auch noch von ferne Bruder Hein zu, und zwar in Gestalt eines winzigen Ödems im linken Auge. Letzteres böte zwar noch keinen unmittelbaren Grund zu existenzieller Sorge, doch nimmt der Hypochonder Haberberg die gesundheitliche Marginalie dankbar zum Anlass, sogleich seinen selbstmitleidspathetischen Schwanengesang anzustimmen: "Ich bin jung, ich bin zu jung, als dass die Welt erlöschen dürfte."

Tut sie vorerst auch nicht, au contraire: Vor Haberbergs doch noch recht gesundes Augenpaar tritt Marie-Thérèse Lyoc. Frohgemut beplappert die ehemalige Klassenkameradin den Leidgeprüften, und ehe er sich's versieht, sitzt Haberberg in Lyocs Jeep, eingeladen auf ein Kartoffelomelett in ihre Wohnung mit Seeblick in Viry-Châtillon. Haberberg hasst das plappernde Dummchen an seiner Seite, ihren naiven Elan, ihre Durchschnittlichkeit, und er hasst sich dafür, mit ihr mitgefahren zu sein, aber was hätte ihn zu Hause schon groß erwartet außer den stummen Vorwürfen seiner Frau und seinen zwei Söhnen, die ihm, Haberberg, jede x-beliebige Fernsehserie vorziehen.

Die Wohnung ist natürlich schrecklich, schrecklich gewöhnlich, Haberberg diagnostiziert bei Marie-Thérèse einen mittelschwer ausgeprägten Haushaltsgerätefetischismus und bei sich zum wiederholten Mal den unmittelbar bevorstehenden Tod, den Tod, den die gutgläubige Marie-Thérèse mit "fünf Tropfen Knoblauchöl plus zwei Tropfen Zitronenessenz, dreimal täglich" zu vertreiben rät. Haberberg nippt an seinem Kirschlikör und appelliert an Gott, ihm wenigstens die Kraft zu geben, all diese Schäbigkeit, "Marie-Thérèse, den Linoleumboden, die Tuc-Tucs, das traurige Licht, Viry und die Jahre in Literatur zu verwandeln"; aber Gott rührt sich vorerst nicht, und so bestellt sich Haberberg nach absolviertem Omelettverzehr ein Taxi, um von der Marie-Thérèse-Lyoc-Hölle in die Haberberg'sche Familienhölle zurückzuflüchten.

Während Iris Radisch, Belletristik-Verantwortliche der Zeit, sich von dem "herrlich vertrauten Duft einer kultivierten westeuropäischen Tristesse", der Rezas etwas euphemistisch als "Roman" bezeichnetem, 150-seitigem Prosatext anhaften soll, derart begeistert zeigte, dass sie die Frühlings-Literaturbeilage der Hamburger Wochenzeitung damit aufmachte, bemäkelte Christoph Bartmann die Neuerscheinung der weltweit meistgespielten Theaterautorin in der Süddeutschen Zeitung ob deren auf Nummer Sicher gehenden boulevardesken Witzes. In jedem Fall ist Yasmina Reza mit ihrem in gemäßigtem Thomas-Bernhard-Tonfall larmoyierendem "Adam Haberberg" ein treffender, amüsanter Snap-Shot der Generation Mitte vierzig gelungen - jener Generation, die mit dem einen Auge noch wehmütig auf das Genie der Jugend linst, während das andere schon die Geriatrie im Blick hat. Sofern es die Sehkraft noch zulässt.

Stefan Ender in FALTER 19/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×