Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung

Kalle Lasn


Prada Meinhof

Kunst Der Kanadier Kalle Lasn schrieb mit "Culture Jamming" ein Pamphlet gegen die Global Players. Die gleichnamige Ausstellung im Linzer Lentos Museum bezweifelt, ob sich damit eine Kulturrevolution machen lässt.

Als er fünf Jahre alt war, lag die Welt von Kalle Lasn in Trümmern. Da stand er mit seinem Vater im zerbombten Lübeck und winkte den amerikanischen Soldaten zu. Familie Lasn war vor den anrückenden sowjetischen Truppen aus der estnischen Hauptstadt Tallinn nach Deutschland geflüchtet. Die Markenwelt war damals freilich noch in Ordnung: Die GIs wedelten mit Kaugummis und Schokoriegeln. Sechzig Jahre später erinnert sich Lasn genau: "Es war Schokolade von Hershey's."

Das mit amerikanischen Konsumgütern verknüpfte Freiheitsversprechen hat sich in seinen Augen längst in einen Albtraum verwandelt. "Seit den späten Sechzigerjahren ist Amerika nach und nach vor die Hunde gegangen. Die Kultur ist dekadent, die Menschen haben ihre Spontaneität verloren." Fastfoodkonzerne zerstören die Existenzgrundlage der Bauern, die Schönheitsindustrie dressiert die Seelen, die Modekonzerne vergiften die Fantasie von Kindern mit Pornografie.

Andere alte Männer würden sich vor lauter Verdruss im Bioschrebergarten verschanzen und einmal in der Woche mit dem Waffenrad zur Post fahren. Nicht so Lasn. Er ist überzeugt davon, dass in naher Zukunft eine Kulturrevolution stattfinden wird, nicht in einer Landkommune, sondern in den urbanen Zentren, im Fernsehen und im Internet. Sein estisches "R" rollt bedrohlich, wenn Lasn den Konzernen den Kampf ansagt. "McDonald's und Nike versuchen verzweifelt, sich oben zu halten. Sie befinden sich aber längst auf dem absteigenden Ast."

Und auch das amerikanische Imperium ruft noch ein letztes Mal "Hurra", bevor es auseinander bricht. Ein Prophet wie Lasn braucht weder Marktforschung noch Meinungsumfragen: "In fünf Jahren wird kein Jugendlicher mehr Nike cool finden" - dafür aber den Anti-Nike-Sneaker der ersten globalen Anti-Marken-Marke Black Spot mit einem schwarzen Fleck als Anti-Logo. (Das Paar kostet 125 Dollar.) Und in den nächsten zehn Jahren, so prognostiziert Lasn, die McDonald's-Kunden zur neuen Black-Spot-Restaurantkette überlaufen, die dann mit lokaler Küche und Fleisch vom Bauern in der Nachbarschaft den globalen Einheitsbrei versalzen.

Dass McDonald's inzwischen selbst regionale Speisen anbietet und Nike dem Vorwurf, Turnschuhe von Kindern nähen zu lassen, mit einer Qualitätsgarantie der Produktionsorte reagierte, überhört Lasn geflissentlich. Widersprüche sind auf dem Weg aus der "mentalen Umweltverschmutzung" vernachlässigenswert. "Wir müssen Culture Jammer werden, die Litfaßsäulen befreien, Mind-Bombs ins Fernsehen werfen." Wenn Lasn die fernsehfreie Woche oder den Buy-nothing-Day propagiert, hört er sich leidenschaftlicher an als der berüchtigte Redner Steve Ballmer auf der Jahresversammlung von Microsoft.

Lasns Revolutionspathos würde ungehört in seinem Gemüsegarten in der Nähe von Toronto verhallen, hätte er nicht mit dem Buch "Culture Jamming" einen Bestseller der Globalisierungskritik geschrieben, dessen deutsche Übersetzung in diesen Tagen erscheint; und würde er nicht das Magazin Adbusters herausgeben, das 1989 das erste Mal erschien und heute eine Auflage von 120.000 Stück erreicht. Im Laufe dieses Jahres wird neben der englischen auch eine deutsche und eine spanische Ausgabe herauskommen. Das Magazin finanziert sich aus dem Verkauf der Hefte. Anzeigen gibt es in einer Zeitschrift, die die Werbung ("Advertisments") "kaputtmachen" (engl.: "to bust") möchte, natürlich nicht. Dafür ist das Heft voller Antiwerbung. Im Jargon der Medienguerilla heißt der Angriff auf die Botschaften der Konzerne "subvertising". Da wird etwa die Werbung für einen Jeep abgedruckt und mit einem Bericht über die Erderwärmung überklebt. Blättert man weiter, springt einem die doppelseitige Abbildung eines Fuchskadavers entgegen. Unnötig zu fragen, wer den Fuchs platt gemacht hat.

Mit Lasns heroischer Dissidenz kann Thomas Edlinger, einer der Kuratoren der Linzer Ausstellung "Just do it!" wenig anfangen. Er hat eine ganze Menge von Beispielen des culture jamming, also des Erzeugens kultureller Störgeräusche, zusammengetragen, vom Schnurrbart, den Marcel Duchamp dem Porträt Mona Lisas auf die Oberlippe klebte, bis zu aktuellen Beispielen des politischen Aktivismus. So benannte die italienische Künstlergruppe 0100101110101101.org den Karlsplatz in Nike-Platz um ("Nike Ground", 2003), eine ironische Übertreibung des Übergriffs von Marken aufs Alltagsleben. Der Ursprung des Begriffs culture jamming geht übrigens auf akustische Störgeräusche zurück: Funkamateure jammten in den Fünfzigerjahren Radioprogramme, indem sie sich auf deren Frequenzen einschalteten.

Zu Kulturrevolutionären macht die Linzer Ausstellung im Lentos Museum ihre Besucher sicher nicht. Die Faszination durch die Erotik kommerzieller Kultur ist selbst in den kritischen Beiträgen spürbar; "die Fähigkeit des Marktes, Störung als Innovation zu bejahen" (Edlinger), wird hier offenkundig. Kommunikationsguerilla und Guerilla-Marketing, Baader Meinhof und Prada Meinhof (Schriftzug auf dem T-Shirt des Hambuger Modelabels Mägde&Knechte) liegen näher beieinander, als dem unbeirrbaren Lasn lieb sein kann. So eröffnete das Haute-Couture-Label Comme des Garçons unlängst in einem Abbruchhaus auf der Berliner Karl-Marx-Allee einen Shop. Er hat nur wenige Woche offen und vertraut allein auf die Mundpropaganda. Die Website dazu sieht aus wie ein Punk-Fanzine der Siebzigerjahre. Das Wort "Propaganda" warnt in roten Lettern vor der Werbebotschaft. In unregelmäßigen Abständen wird das Bild unscharf, ein schriller Ton lässt den Eindruck entstehen, der Computer sei einer Hackerattacke zum Opfer gefallen. "Der Grat zwischen Widerstand und Systemoptimierung ist schmal", meint Edlinger. Er ist auch durch Kalle Lasn nicht spürbar breiter geworden.

Matthias Dusini in FALTER 18/2005



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