Das Echolot - Abgesang '45 - Ein kollektives...

Walter Kempowski


"Aus allen Wunden blutend"

Walter Kempowski beendet das kollektive Tagebuch "Echolot" mit 500 Seiten über das Kriegsende - das man allerdings schon kennt.

Das Bild ist eine Ikone: Am Ende des eintausendvierhundertachtzehn Tage dauernden Einsatzes pflanzt der Rotarmist Militon Kantarija am Berliner Reichstag die Fahne der Sieger auf: Unten liegt das Dritte Reich in Trümmern, der Zweite Weltkrieg ist zu Ende und die Weltgeschichte um hundert Millionen Kriegstote reicher. Die vom sowjetischen Fotografen Jewgenij Chaldej arrangierte Szene figuriert an prominenter Stelle des letzten und zehnten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot", das den Untertitel "Abgesang '45" trägt.

Der 1929 in Rostock geborene Kempowski, der das Kriesgende als 15-jähriger Flakhelfer erlebte, von den Sowjets 1948 als "Spion" verhaftet und zu 25 Jahren verurteilt wurde (von denen er acht Jahre im Gefängnis Bautzen absaß), begann neben seiner Tätigkeit als Volksschullehrer in den Sechzigerjahren mit freundlichen Romanen über deutsche Befindlichkeit in Kriegszeiten. Vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert ging er dann daran, in einem "kollektiven Tagebuch" das deutsche Trauma und den Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts, den Nationalsozialismus, auf vielen Tausend Seiten aufzuarbeiten. Anhand der Metapher des "Echolots", das in der Tiefe verborgene Objekte der Geschichte aufzuspüren weiß - deutsche U-Boote waren für die Alliierten eine Zeit lang die Schreckenswaffe der Nazis -, arrangierte Kempowski die Berichte, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe prominenter wie namenloser Zeitzeugen aus allen am Krieg beteiligten Ländern um markante Daten des Zweiten Weltkrieges: die Schlacht von Stalingrad Ende Jänner 1943, das Bombardement von Dresden mit 35.000 Ziviltoten im Feburar 1945, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und jetzt das Kriegsende am 8./9. Mai 1945.

Kempowskis minutiösem Unternehmen - im Zuge dessen der Autor eines der größten Privatarchive über den Zweiten Weltkrieg anlegte - Effkthascherei vorzuwerfen wäre unfair, auch wenn die vom "Echolot" anfänglich begeisterte Kritk mittlerweile zurückhaltender reagiert. Der Kritiker Fritz J. Raddatz etwa resümierte die aus unendlich vielen Perspektiven effektvoll erzählte Höllenfahrt Deutschlands lakonisch: "Addierter Schock hat keine Schockwirkung mehr." Daran stimmt zumindest so viel: Der heutige Leser parasitiert bei der Lektüre der in jedem konkreten Fall eindringlichen Textfragmente noch immer von Hitlers zu Beginn des Russlandfeldzuges im Gaunerjargon vorgetragenen Anrufung des Tragischen: "Wenn Barbarossa steigt, hält die Welt den Atem an."

Den Atem hält man noch immer an, wenn der termingerecht zur sechzigsten Wiederkehr des Kriegsendes erschienene "Abgesang" am 20. April 1945 mit der Notiz des Flugkapitän Hans Baur aus dem Führerbunker folgendermaßen anhebt: "Der letzte Geburtstag Hitlers verlief trübe und traurig." Im Gegenschnitt notiert der in amerikanische Kriegsgefangenschaft geratene Eberhard Fechern: "Amerikaner gestatten deutschen Offizieren eine Geburstagsfeier für Hitler."

Das alles aber geschieht zu der Zeit, in der die Rote Armee mit einer Million Soldaten und einer gigantischen Militärmaschinerie zum Angriff auf Berlin ansetzt: "Tausend Kanonen auf einen Kilometer, eine Kanone auf den Meter - Trommelfeuer. Es ist so, dass man meint, die Erde sollte untergehen" - so der in Berlin akkreditierte norwegische Journalist Theo Fendahl. Wenn es allen die Rede verschlägt, liest Ernst Jünger gelassen das Buch Hiob, der in Norwegen stationierte Heimito von Doderer aber hat nichts Besseres zu tun, als sich über die "Unverschämtheit der nach früheren Wiener Maßstäben ohnehin schlecht erzogenen dänischen Kellner" zu echauffieren. Der "Abgesang" ist allen ins Gesicht geschrieben.

Im Zentrum des Ganzen lernt Hitlers Verlobte Eva Braun wenige Tage vor ihrem Freitod mit dem Führer schießen: "Die Sekretärinnen und ich schießen jeden Tag mit der Pistole, und wir haben es zu solcher Meisterschaft gebracht, dass kein Mann es wagt, mit uns in Konkurrenz zu treten." Hitler und Goebbels haben ihren Traum von der Weltmacht zwar ausgeträumt, ergehen sich aber noch immer in abenteuerlichen Fantasien über Wunderwaffen und letzte "Schicksalswendungen", die auch den Fallschirmjäger Albrecht Schulze von Loon entzücken, der in Nibelungentreue von der Vernichtung zweier Kompanien russischer Soldaten berichtet. Und Görings Adjutant bricht beim Abschied seines Chefs von Hitler in Tränen aus.

Mittlerweile sind in Deutschland die neuen Zeiten der Befreiung angebrochen - was für die Einwohner von Königsberg bedeutet, schutzlos einer marodierenden russischen Soldateska ausgesetzt zu sein; in Berlin beginnen die Deutschen zu plündern, und im Westen vergnügen sich "die deutschen Frauen" mit amerikanischen GIs - wie die in amerikanischen Diensten befindliche Mary Wigman irritiert schreibt. Von Hitlers Kammerdiener bis zu Kriegsgefangenen im hintersten Sibirien, von KZ-Häftlingen auf Todesmärschen bis zu Hitler und Goebbels - immer ist der O-Ton zu hören. General de Gaulle notiert am 8. Mai 1945 schließlich voll des Patriotismus: "Der Krieg ist gewonnen. Der Sieg ist da, der Sieg der vereinten Nationen, und das ist der Sieg Frankreichs." Die letzte Eintragung im Tagebuch der Oberkommandos der Wehrmacht lautet: "Die Toten verpflichten zu bedingungsloser Treue, zu Gehorsam und Disziplin gegenüber dem aus allen Wunden blutenden Vaterland."

Anders als in den vorangegangenen Bänden von "Echolot" lässt Kempowski im "Abgesang" zahlreiche Prominente zu Wort kommen. Von Elias Canettis im englischen Exil niedergeschriebener Vision, "Explosionen rückgängig machen zu können", ist da zu lesen, oder Bertold Brechts launiger Stimmung, als er in Amerika über Radio die Meldung vom Kriegsende hört: "zuhörend betrachte ich den blühenden kalifornischen garten." Das Namedropping findet kaum Grenzen: Anaïs Nin, Max Beckmann, Thomas Mann, Claude Simon, Arthur Miller, Kurt Weill, Klaus Mann, Alfred Döblin ... So interessant die Tagebuchaufzeichnungen der Genannten auch sind, so leidet deren Genauigkeit, wenn sich praktisch ausnahmlos alle angesichts des Schreckens dazu bemüßigt fühlen, eine beinahe beliebige Ansammlung von Tiefsinnigkeiten von sich zu geben. Der Schrecken ist denn auch größer, wenn man die Tagebucheintragung des Rotarmisten Alexander Fedotow aus Breslau liest, der sich endlich über die Waffenruhe und die Stille freut: "Die anderen gingen auf Trophäenjagd, suchten nach Maschinenpistolen (...) Ich ging zu Fuß und starrte zwei Stunden lang auf das strömende Wasser. Und am Abend hörte ich erstmals im Leben, wie in den Büschen die Nachtigallen sangen." Im selben Ort Breslau beschreibt ein Gymnasiast die Vergewaltigung seiner Mutter durch einen Rotarmisten. Einer Krankenschwester sterben die gerade befreiten Häftlinge aufgrund ihrer Entkräftung unter den Händen weg.

So imposant Kempowskis Materialauswahl auch ist, die anvisierte Totalität des beschriebenen Gegenstandes, um derentwillen er sich der traditionellen Autorschaft entledigt, zerbröselt im Verlauf des Buches vollständig: Wie es im Mai 1945 "wirklich" gewesen ist, erfährt man auch hier nicht. Den Ausgang kennt man von Anfang an. Der aber ist ohnedies in jedem Geschichtsbuch beschrieben.

Erich Klein in FALTER 18/2005



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