Kaputt

Curzio Malaparte, Hellmut Ludwig


Ein Korb voll Augen

Curzio Malapartes neu aufgelegter Roman "Kaputt" schüttet das Grauen des Zweiten Weltkriegs in den Salon des 19. Jahrhunderts.

Als im Oktober 1944 in Neapel der Roman "Kaputt" erscheint, ist die Stadt bereits von alliierten Truppen eingenommen, eine Niederlage der deutschen Truppen in Sicht. Der Autor Curzio Malaparte besuchte von 1941 bis 1943 für den Corriere della Sera die Fronten und verarbeitete seine Berichte literarisch. Seine zweifelhafte Vergangenheit als erfolgreicher Journalist im faschistischen Italien der Zwischenkriegszeit trübt den großen Erfolg, den das Buch in zahlreichen europäischen Ländern nach Kriegsende erlebt. Der Roman mit anitnazistischer Tendenz über einen italienischen Kriegsberichterstatter, der bei Diplomaten und Besatzern ein und aus geht, gilt als das Werk eines Opportunisten. Der Vorwurf fehlender Wahrhaftigkeit betrifft indes auch die Form des Romans. Ein deutscher Kritiker spricht 1951 von einer "italienischen Mischung aus Blut, Parfüm und Pornografie, die selbst das schlechteste Gewissen nicht berührt", ist dem informativen Nachwort Lothar Müllers in der Neuausgabe zu entnehmen. Das lässt hoffen.

"Kaputt" ist in sechs Kapitel gegliedert; Tiernamen sind deren Titel und Leitmotiv. In Finnland flüchten Pferde der Artillerie aus dem brennenden Wald in einen Fluss, im gefrierenden Wasser zu gespenstischen Eisskulpturen erstarrend. Die Mutprobe von SS-Anwärtern, heißt es an anderer Stelle, habe darin bestanden, Katzen die Augen auszustechen. Lange Beschreibungen von Interieurs, Speisefolgen und Golfpartien brechen jäh ab, wenn das Grauen beginnt. Der frühere Futurist und Bewunderer der französischen Avantgarde spannt eine bildungsbürgerliche Folie (von Rembrandt bis Marcel Proust, vom Meißner Porzellan bis Erik Satie) über die Bombenkrater und Massengräber. Surrealistische Schocks knallen im saloppen, dem Salon des 19. Jahrhunderts entstammenden Plauderton. Der kroatische Faschistenführer Ante PavelicŽ öffnet einen Korb voller glitschiger Austern; es sind zwanzig Kilo Menschenaugen.

In solchen kruden Momenten erinnert "Kaputt" an die grausamen Kriegscollagen in den Romanen des serbischen Autors Miodrag Bulatovic (1930-1991). Wie jener lenkt Malaparte den Blick von der Westfront auf die erst in neuerer historischer Forschung thematisierten Kriegsschauplätze des Ostens. Seine episodenhaften Fiktionen über Massaker rumänischer Faschisten an der jüdischen Bevölkerung, über das massenhafte Sterben in den polnischen Ghettos lesen sich wie Gräuelmärchen; Malaparte hatte ihre schreckliche Wahrheit richtig eingeschätzt. Der kolportagehafte Stil ist über weite Strecke nur schwer zu ertragen.

Aus der Feldherrenperspektive im Kriegsjahr 1943 ein Panorama der Zerstörung Europas zu entwerfen, dieses literarische Selbstbewusstsein hat nicht jeder. Malaparte schöpfte es aus dem Selbstverständnis eines schillernden, stets provokant von Mehrheitsmeinungen abweichenden, rechts-anarchistischen Intellektuellen. 1933 war er aufgrund einer politischen Intrige auf eine Mittelmeerinsel verbannt worden. Bei Kriegsende wollte er sogar in die Kommunistische Partei Italiens aufgenommen werden. Malaparte wurde 1898 als Sohn eines Deutschen und einer Italienerin im toskanischen Prato geboren, als Kurt Erich Suckert. Mit 16 verließ er die Schule, um auf der Seite der Franzosen gegen die Mittelmächte zu kämpfen. Mit dem Schriftsteller und Kriegsflieger Gabriele d'Annunzio teilte er den Hass auf die rückwärtsgewandte Museumskultur. Dessen Wurzeln in der Decadence-Kultur der Jahrhundertwende machten ihn aber selbst zum Vertreter der bekämpften bürgerlichen Kultur.

Malapartes ab 1938 auf der Insel Capri errichtetes Haus, später Schauplatz von Jean Luc Godards Film "Le mépris", hängt wie das Nest eines Raubvogels an einer steilen Klippe. Es ist das architektonische Manifest eines heroischen Einzelkämpfers, das modernistische Gegenstück zur neoromantischen Italianità der Villa Vittoriale d'Annunzios am Gardasee. Sein letzter Coup: Er vererbte die Casa Malaparte der Volksrepublik China, was seine Familie erfolgreich anfocht. Malaparte heißt er seit 1925, sich auf den angeblich ursprünglichen Namen der Familie Napoleons beziehend. Mit deutschen Namen sollte er sich erst einige Jahre später wieder beschäftigen.

Matthias Dusini in FALTER 17/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×