Der Zahir

Paulo Coelho, Maralde Meyer-Minnemann


Staubige Sinnstiftersteppe

Paulo Coelho begibt sich mit "Der Zahir" ins Innere der menschlichen Existenz. Ein Versuch, ihm dabei zu folgen.

Paulo Coelho ist einer der meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller der Welt" (The Economist); "Paulo Coelho schreibt Romane, die um die Welt gehen" (Neue Zürcher Zeitung); "Er wird weltweit als packender Erzähler gefeiert, und seine unzähligen Fans bezeugen, seine Bücher hätten ihr Leben verändert" (The Guardian); "Seine Bücher genießen Kultstatus" (Der Kurier).

In den Zitaten, mit denen der neue Roman des brasilianischen Bestsellerautors beworben wird (Startauflage: 250.000), bleibt das persönliche Urteil des Rezensenten stets ausgespart - so als müsse angesichts des überwältigenden Erfolges ästhetisch argumentierende Kritik ohnedies kapitulieren. Dennoch hadert der Icherzähler von Coelhos jüngstem Roman, ein Bestsellerautor und generell mit autobiografischen Zügen ausgestattes Alter Ego, mit der Kritik, die ihn "hasst", seit er seine "ersten hunderttausend Exemplare verkauft hatte". "Meine treuen Leser" jedoch lassen sich "nicht beirren" und bringen die Bücher weiterhin "an die Spitze der Bestsellerlisten".

"Der Zahir" ist sichtlich für die bereits existierende Masse der Coelho-Leser geschrieben. Mehr braucht der Autor auch nicht, es reicht, wenn er seine "treuen Leser" behalten kann, denen er ja so gerne die Bücher signiert ("dabei immer ein Gefühl von Gemeinsamkeit, Freude, gegenseitiger Achtung") und derer er bedarf, um das spirituelle Surplus seiner schreiberischen Selbstsuche abzuschöpfen: "Ich begegne mir selber durch meine Leser."

Dieses schleimige Sinnstiftertum, das der Autor/Erzähler da auf über 300 Seiten ausbreitet und das er ebenso pathetisch wie unglaubhaft als schmerzvolle Reise in die Abgründe des eigenen Ich inszeniert, bedarf nur eines Minimums an Handlung: Esther, die Ehefrau des Protagonisten, eine Journalistin, die sich für die Kriegsberichterstattung entschieden hat, weil sie dort als Stahlgewitter-Softie in den Kern des Seins vordringt ("im Krieg wissen alle, dass sie etwas Wesentliches erleben. Sie erfahren ... das wahre Wesen des Menschen"), ist verschwunden. Zuletzt wurde sie mit einem Mann gesehen, dem der verlassene Gatte in Paris begegnet, wo Mikhail, so der Name des jungen Kasachen, in einem Restaurant als Mythenerzähler, Ethnoartist und Gruppentherapeut auftritt.

Der geheimnisvolle Weg führt einerseits nach innen, andererseits in die kasachische Steppe, wo die Ehegatten einander nach "zwei Jahren, neun Monaten, elf Tagen und elf Stunden" wieder begegnen und sich Sätze wie diesen an den Kopf werfen: "Ich bin zu dem Nomaden gegangen, den ich einmal kennen gelernt hatte, bat ihn, mich zu lehren, meine eigene Geschichte zu vergessen, mich der Liebe zu öffnen, die allerorts gegenwärtig ist." Das ist der Sound eines Buches, das sich liest, als habe man es aus schlechten Lebensberatungsbüchern à la "Loslassen in der Liebe" collagiert: "Man muss immer wissen, wann ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Indem man Kreise und Türen schließt, Kapitel abschließt."

Nach dem Abschluss einiger peinigender Lektürestunden bin ich jedenfalls um zwei Gewissheiten reicher: Millionen von Lesern können irren, und: Mein erster Coelho wird auch mein letzter gewesen sein.

Klaus Nüchtern in FALTER 17/2005



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