In Tasmanien

Nicholas Shakespeare, Hans M. Herzog


Eine beschissenere Lage als jene, in die Aron Ralston vor zwei Jahren geriet, ist schwer vorstellbar. Kaum nachvollziehbar ist aber auch, wie sich der junge US-amerikanische Bergsteiger wieder daraus befreite. Bei einer einsamen Wochenendwandertour durch ein abgelegenes Canyonsystem in Colorado rutschte ein Felsbrocken so unglücklich herab, dass Rastons rechte Hand zwischen dem 500-Kilo-Brocken und der Wand der Schlucht eingeklemmt wurde. Das passiert auf Seite 33 seines Berichts "Im Canyon", 272 Seiten später ist er der grausamen Falle entkommen. Doch anders als der Untertitel "Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens" suggeriert, fällt ihm der Entschluss letztlich gar nicht mehr schwer, da alles andere den Tod bedeutet hätte: Ralston bricht sich Elle und Speiche, amputiert seinen Unterarm und gewinnt einen Wettlauf gegen das Verbluten um Haaresbreite. Die 350 spannenden Seiten, die er darüber geschrieben hat, können mit der Prosa von Ralstons erklärten Vorbildern Jon Kracauer oder Joe Simpson ohne weiteres mithalten.

Auch Nicholas Shakespeare schildert in seinem neuem Buch "In Tasmanien" eine Eigenhandamputation, braucht dafür allerdings nur eine knappe Seite: Anfang des 19. Jahrhunderts tappte Tongerlongetter, einer der letzten Aborigines der südlich von Australien gelegenen Insel, in eine von weißen Siedlern aufgestellte Eisenfalle und befreite sich daraus, indem er "die Sehnen und Bänder des Arms mit roher Gewalt abriss", wie ein Zeitungsbericht lakonisch vermeldete. Das Schicksal der 1876 ausgestorbenen Ureinwohner Tasmaniens bildet einen der Hauptteile des überaus fakten- und anekdotenreichen Inselporträts, das unweigerlich an "In Patagonien" von Bruce Chatwin erinnert, dem Shakespeare zuvor eine umfangreiche Biografie gewidmet hatte. Mag "In Tasmanien" auch stilistisch nicht ganz so elegant sein wie das Kultreisebuch Chatwins, so ist es jedenfalls besser recherchiert - und gibt sympathischerweise mehr von seinem Autor preis.

Klaus Taschwer in FALTER 16/2005



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