Fred Wander – Leben und Werk

Walter Grünzweig, Ursula Seeber


Fröhlichkeit im Schrecken

In "Der siebente Brunnen" hat der in Wien lebende Autor Fred Wander gezeigt, wie man "gerade noch" vom Holocaust erzählen kann. Nun wird der 88-Jährige mit einem Abend im Literaturhaus gewürdigt.

Wer wie Fred Wander mehrere Jahre in Internierungs- und Konzentrationslagern zubringen musste, der kennt das Zusammenleben auf engstem Raum. Auch heute, sechzig Jahre nach der Befreiung, lebt Wander in Gedanken noch manchmal inmitten der Elendsquartiere. Sie haben ihn geprägt, auch sprachlich. "Ich nehme dich in meine Baracke auf", sagt er mit verschmitztem Lächeln zu Menschen, die er leiden kann.

"Organisationsmenschen" sind ihm zuwider, zu sehr hat er ein Leben lang die Konformität gescheut. In Wien aufgewachsen, kehrt er dem jüdisch-kleinbürgerlichen Milieu seiner Kindheit schon bald den Rücken und durchstreift halb Europa als Vagabund. Wann immer es ihm die Not abverlangt, verwandelt er sich für kurze Zeit in einen Gerüstebauer, Fliesenleger, Schildermaler oder Bauernknecht. Das Leben auf der Straße schärft seine Beobachtungsgabe, gewöhnt ihn an Strapazen und trainiert ihn im Hungern - alles Umstände, die ihm in den Lagerjahren mehrmals das Leben retten sollen.

Das KZ Groß-Rosen (in Niederschlesien) macht Wander mit Abgründen vertraut, gegen deren Schrecken sich seine Psyche bis heute zu wehren versucht, indem sie das Allerschlimmste ausblendet und Gedächtnislücken produziert. Was jedoch gerade noch mitteilbar, gerade noch in eine Geschichte zu packen ist, hat Fred Wander 1971 in seiner Meistererzählung "Der siebente Brunnen" zu Papier gebracht. Darin schildert er, der sich gerne als "Geschichtenerzähler" bezeichnet, die letzten Stationen einiger seiner Kameraden, die das Lager nicht überlebt haben. Anknüpfend an die jiddische Erzähltradition seiner Kindheit ist das Buch voll von Todesmomenten, aber auch voll von einer "Euphorie des Lebens", die Wander auch dort zu entdecken vermag, wo nichts als Hoffnungslosigkeit und Resignation zu regieren scheint. Ein derartiger Vitalismus findet sich nur selten in Texten über die Shoah und verstört den Leser, vergleichbar nur dem berühmten "Glück der Konzentrationslager", von dem Imre Kertész einmal geschrieben hat.

"Man muss knallharte Geschichten erzählen", sagt Wander, "in den Köpfen des Lesers muss eine elektrische Entladung stattfinden." Dieses "Handwerk des Schreibens" musste sich der Autodidakt Wander über viele Jahre erarbeiten, bis er mit seinen wenigen, aber äußerst präzisen und kunstvollen Büchern hervortrat.

Die Eigenart von Fred Wanders Schreiben besteht darin, die Schrecken der nationalsozialistischen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik im Hegel'schen Sinne "aufzuheben": Die physische und psychische Zerstörung wird in der Erinnerung an die toten Kameraden bewahrt; gleichzeitig wird ein "Endsieg" der Täter aufs Heftigste dementiert, wenn selbst in den Konzentrationslagern nicht der Tod, sondern das Leben im Mittelpunkt des Interesses steht. Auf diese Weise wird Auschwitz weder als Endpunkt der Geschichte noch als Purgatorium betrachtet, sondern die Erfahrung des Nationalsozialismus als Maßstab für eine "Welt nach Auschwitz" angelegt. Dementsprechend hat Wander kein Problem damit, Vergleiche zuzulassen: An dem "Widerhall der Ereignisse in anderen Hemisphären" lässt sich die Shoah erst in ihrer vollen Tragweite ermessen.

Fred Wanders Stationen nach der Befreiung erscheinen in seiner eigenen Darstellung wie ein Fortschreiten auf einer Kurve des Glücks. Ob als Reporter im Wien der Nachkriegszeit, ob als Stipendiat am Becher-Institut in Leipzig, ob als Autor in Ost-Berlin und Wien - stets begleiten ihn ein "besessenes Wachsein", eine Neugierde für die Welt, eine besondere Intensität der Empfindung. In der DDR, in der er über zwanzig Jahre lang lebt, veröffentlicht er zuerst Jugendromane und Reisereportagen, bis ihm mit "Der siebente Brunnen" der erste große erzählerische Wurf gelingt. Dieser in seiner unheroischen Haltung und in seiner prononciert jüdischen Perspektive für die DDR so untypische Text macht Wander beim ostdeutschen Lesepublikum zum Erfolgsautor, im Westen wird er über lange Zeit ignoriert.

1975 veröffentlicht Wander seine Erzählung "Ein Zimmer in Paris", wenig später feiert seine Frau Maxie mit ihren Protokollen zum Frauenleben in der DDR einen großen literarischen Erfolg in Ost und West. Einige Jahre nach ihrem frühen Tod übersiedelt Fred Wander 1983 nach Wien. Hier entsteht "Hôtel Baalbek", das der Exilerfahrung ein Denkmal setzt. Der Roman erschöpft sich aber nicht in einer Beschwörung der Atmosphäre dieser Jahre, sondern erzählt konsequent auf den Endpunkt Auschwitz hin, was allen Geschehnissen eine höchst irritierende Färbung verleiht. Die Personen, die sich um Einreiseerlaubnisse abstrampeln, ihren Verfolgern zu entwischen versuchen, das Leben im Angesicht der Katastrophe noch einmal genießen möchten, sind Lebende auf Abruf. Ständig wird der Leser daran erinnert, dass sie sich im Nu in die Toten der Lager verwandeln werden.

Fred Wander, der vor kurzem seinen 88. Geburtstag gefeiert hat, verfolgt seine literarischen Projekte mit ungebrochener Energie. "Ich arbeite sehr mühselig, schreibe jede Seite mehrmals um, aber ich leide nicht darunter. Ganz im Gegenteil: Wenn ich am Morgen meine Schreibmaschine sehe, bin ich immer von neuem aufgeregt." Da ist beispielsweise die Autobiografie "Das gute Leben" (1996), die umgearbeitet, ja, passagenweise neu geschrieben wird, weil sie Wanders ausgeprägter Selbstkritik nicht mehr standhält. Auch ein neuer Untertitel ist vorgesehen: "Die Fröhlichkeit im Schrecken". Überall - auch auf der Flucht, auch im Lager - habe er eine "kosmische Heiterkeit" entdecken können, die nun gleichsam als Motto über seinem Leben stehen soll. Und auch das Denken an den Tod stimmt ihn heiter, hat er sich doch eine Art zen-buddhistische Gelassenheit zugelegt, die mit den Jahren immer stärker wird.

"Widerstandslos ausweichen", ist eine fernöstliche Maxime, die er gerne zitiert und seinen Besuchern mit auf den Weg gibt. So sehr er den Kontakt mit Einzelnen liebt, dem Österreichischen ist er seit seiner Rückkunft nach Wien gerne ausgewichen: Bewusst lebt er in einem Bezirk, mit dem ihn keine Jugenderinnerungen verbinden, und meidet den Dialekt, mit dem er aufgewachsen ist. Dennoch stellt er in den letzten Jahren erstaunt fest, dass sich wieder "Wienerisches" in seine Rede mischt und er eine Art Heimatgefühl in der Sprache zu entwickeln beginnt.

Und wovon träumt Fred Wander? Vom Unterwegssein - manchmal in Form eines Albtraums, manchmal als Inbild des Glücks. Deutlich erscheinen ihm dann die vielen Menschengesichter, die er im Laufe seiner freiwilligen und unfreiwiligen Reisen "beobachtet, betrachtet, aufgesogen" hat. Seine Träume gehören nur ihm, in seiner Literatur aber lässt er uns an diesen großen Erlebnissen teilhaben.

Stephan Steiner in FALTER 16/2005



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