Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert

Elisabeth Edl, Stendhal


Das Chamäleon spielen

LITERATUR Elisabeth Edl, Übersetzerin und frische Johann-Heinrich-Voß-Preisträgerin, spricht über Rollenspiele und die Treue zum Original.

Als sie an der Universität Poitiers Deutsch lehrte, war das Übersetzen nur eine zusätzliche Tätigkeit. Die Herausforderung in der Freizeit wurde dann aber zum Hauptberuf. Elisabeth Edl, die aus dem steirischen Ort Wagna kommt und heute in München lebt, hat zahlreiche französische Autoren - von Jules Verne bis Patrick Modiano - ins Deutsche übersetzt. Für ihre letzte Arbeit, die Neuübersetzung von Stendhals "Le Rouge et le Noir", erhielt sie heuer den Johann-Heinrich-Voß-Preis - die angesehenste Auszeichnung für deutschsprachige Übersetzer. Am 1. Mai wird ihr der Preis in Salzburg überreicht.

Falter: Sie haben ja nicht als Erste "Rot und Schwarz" übersetzt. Wie beeinflusst das die Arbeit des Übersetzers? Nicht jeder will sich frühere Fassungen ansehen.

Elisabeth Edl: Für mich ist es unerlässlich, dass man sich die vorangegangenen Übersetzungen anschaut. Erstens um zu schauen: Lohnt es sich überhaupt, eine neue Übersetzung zu machen, muss man eine machen - oder kann ich auch nichts Besseres zuwege bringen?

Wenn ich mit diesen alten Übersetzungen nicht zufrieden bin und sehe, was mich daran stört, dann hilft mir das ja eher noch, meine Richtung zu finden. Und dann arbeite ich in gewisser Weise auch gegen diese alten Übersetzungen. Ich glaube auch, es ist gut, fremde Übersetzungen zu lesen. Weil man aufmerksamer, misstrauischer, kritischer wird - auch sich selber gegenüber.

Wurden die früheren Übersetzungen von "Le Rouge et le Noir" der Sprache Stendhals nicht gerecht?

Ja. Gerade das Typische an Stendhals Stil ist ja das sehr Knappe, manchmal Spröde, manchmal Raue, manchmal Ruppige - da ist kein Wort zu viel. Dann ist da auch oft so ein sehr leichter ironischer Unterton. Und das aber immer in ganz kurzen, knappen Sätzen und mit knappem Sprachwitz. Das hat in der Zeit, in der Stendhal übersetzt worden ist - also zwischen 1900 und 1950 -, so gar nicht dem deutschen Stil entsprochen. Die meisten Übersetzer haben dann sehr viel dazugemacht und alles wieder aufgeblasen.

In gewisser Weise trägt ja jede Übersetzung eine Handschrift, aber wie wichtig ist es, seine eigene Handschrift zurückzunehmen?

Also ich finde es nicht gut, wenn man Bücher liest und sofort den Übersetzer erkennt. Das hat es immer wieder gegeben, und die klingen dann nicht nach Stendhal oder nach Balzac, sondern sie klingen dann immer nach demselben Übersetzer. Das ist natürlich nicht gut, weil das den Autor zerstört und auch für den Leser nicht wieder erkennbar macht. Und was mir ja auch Spaß macht, ist, dass man in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Dass man schon so ein bisschen das Chamäleon spielen kann - und muss.

Hätten Sie auch Interesse, einen eigenen Roman zu schreiben?

Nein.

Warum nicht?

Weil ich mir selber gegenüber einfach zu kritisch bin. Ich denke einfach: "Ich weiß, was ich kann." Ich kann mich, glaube ich, ganz gut einschätzen. Und ich übersetze lieber erstklassige Bücher, als selber vielleicht dritt- oder fünft- oder siebentklassige Bücher zu schreiben. Aber es gibt natürlich eine ganze Reihe Übersetzer, die das machen. Wenn man das Bedürfnis verspürt, dann ist das auch in Ordnung. Aber ich bin eigentlich ganz zufrieden.

Ingrid Brodnig in FALTER 16/2005



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