Das Gedicht des Pornographen

Michael Turner, Jürgen Bürger


Mit Dildo und Dogge

Michael Turners Roman "Das Gedicht des Pornographen" hält zumindest zum Teil, was der Titel verspricht.

Um den Leser nicht unnötig auf die Folter zu spannen: Ja, dieses Buch hat "Stellen". In Hülle und Fülle. Wo T.C. Boyle in seinem Kinsey-Roman "Dr. Sex" mit ungewohnter Zurückhaltung wegschaut, da hält sein kanadischer Kollege Michael Turner die Kamera voll drauf.

Dessen dritten Roman, "Das Gedicht des Pornographen", kann man irgendwo in der zweiten Hälfte aufschlagen und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Sätze stoßen wie: "Und da kam eine Menge." Oder: "Obwohl er nicht gerade spektakulär war, sah sein Schwanz ganz gut aus, wie er da so aus seiner Hand hervorschaute." Es geht in diesem Buch also, wie im Titel versprochen, um Sex, Sex, Sex.

Vor dem "Pornographen" steht da aber noch das "Gedicht". Diese zweite Verheißung scheint Turner zunächst nicht erfüllen zu können, beginnt er sein Buch doch mit nüchternen filmischen Rückblenden auf die ersten Pornoerlebnisse seines namenlosen Protagonisten, mit Synopsen zu dessen eigenem Streifen ("Rich Kid Gang Bang") und Verhören durch eine nicht näher bezeichnete Instanz ("würdest du diesen Film als heterosexuell oder homosexuell beschreiben?") ausgesprochen prosaisch.

Die Geschichte geht so: Ein Zwölfjähriger wird von seiner Sandkastenfreundin mit drastischen Fotografien in die Welt der Pornografie eingeführt. Ihrem Vater liegen als Richter Bilder aus Pädophilenzirkeln der Stadt vor, die auch den Schuldirektor zeigen und die von beiden mit gemischten Gefühlen betrachtet werden: "Bei manchem fühle ich mich irgendwie sexy", sagt das Mädchen, "manches davon macht mich irgendwie traurig", bringt Turner die emotionale Wirkung von Pornografie treffend auf den Punkt.

Parallel dazu bekommen die beiden eine neue Lehrerin, die mit der Klasse Filme dreht, wegen ihres ungewöhnlichen Lehransatzes und ihrer schwarzen Hautfarbe aber schnell wieder suspendiert wird. Der Junge und seine Freundin besuchen sie zu Hause weiter und stellen ihre ersten, noch züchtigen Kurzfilme fertig. Erst Jahre, erste Rauscherfahrungen und 200 Seiten später greift Turner den pornografischen Erzählstrang wieder auf. Durch Zufall beobachtet sein Held vom Fenster aus das Nachbarspärchen beim Freiluft-Liebesspiel samt Dildo und Dogge - und erinnert sich seiner Kamera, die er lange nicht mehr verwendet hat.

Das Ergebnis ist ein stellenweise verwackelter Kurzfilm, der in Kunstkreisen bald als Avant-Sexstreifen die Runde macht. Bei diesen Passagen wird einem bewusst, dass das Buch in einer Zeit spielt, in der manchen Pornos von progressiven Kreisen so etwas wie aufklärerisches Potenzial zugebilligt wurde. Solche Streifen, in denen klischeehafte Rollenbilder von Mann und Frau aufgebrochen werden, wollen auch der inzwischen 17-Jährige und seine Freundin drehen. Aber daraus wird nichts, denn sie verlässt das Land und für ihn beginnen wirre, einsame Zeiten.

Eine Qualität von Turners Text liegt darin, die Erwartungen des Lesers immer wieder zu unterlaufen. Rechnet man nach den ersten Seiten mit einem Einblick ins Wirken eines Pornofilmers in den lockeren Siebzigerjahren, überrascht einen der Autor mit einer einfühlsamen Jugendgeschichte, samt Seitenhieben auf die Doppelmoral des Bürgertums. Hat man es sich in diesem Sittenbild gemütlich gemacht, wird es plötzlich sexuell explizit bis in alle - mitunter auch ermüdenden - Einzelheiten. Und gegen Ende hin verlieren sich die Figuren in Drogeneskapaden und Ausschweifungen, die immer seltener mit Höhepunkten, immer öfter mit vorzeitig erschlaffenden Penissen enden.

Und die Moral von der Geschicht? Die verrät uns Turner nicht. Kann sein, dass Pornos doch nicht so politisch sind und auf Dauer einfach nur stumpf machen. Kann aber auch sein, dass die vielen einprägsamen, oft hart geschnittenen Bilder in diesem Buch gar kein großes Ganzes ergeben sollen. Nach der letzten Seite ist man aufgewühlt und ein wenig verwirrt - und so ist der Pornoroman am Ende irgendwie doch auch ein Gedicht.

Sebastian Fasthuber in FALTER 15/2005



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