In Karin

Jaromir Konecny


Ein echter Tscheche schätzt das Bier, den Schnaps, die Frauen und lässt kein Fettnäpfchen aus: Seit fast zehn Jahren hätschelt der 1956 geborene Jaromir Konecny Klischees, die ihn zum Kultstar der Slam- und Spoken-Word-Szene haben aufsteigen lassen. Fans des räudigen Wahlmünchners, der seinen Spott stets über sich selbst ausschüttet, werden deshalb geschockt sein: Denn im neuen Roman tauscht dessen Alter Ego das Junggesellendasein gegen weibliche Dauerbehütung, lässt sich widerstandslos den Alkohol verbieten und unterwirft sich deren vegetarischem Weltbild, weil er sonst mit Liebesentzug bestraft wird. "In Karin" will einen zeitgemäßen Beweis für die uralte Einsicht liefern, dass die Frau dem Mann überlegen ist. Das klingt öde, ist es aber nicht, weil die derben und schlüpfrigen Witze mitunter so verquer, irritierend und bitter daherkommen. Wessen Mitleid für das vermeintlich starke Geschlecht nicht so weit geht, zum Buch zu greifen, für die/den gibt es "In Karin" auch als CD, auf der der Böhme seinen Akzent und seine Bühnenqualität voll ausspielt.

Auch Jaroslav Rudis ist ein nach Deutschland gewechselter Tscheche. In seiner Literatur zelebriert er die Eigentümlichkeit Prags. Sein Alter Ego beglückt die angepasste deutsche Hauptstadt mit hartem Punk, der in seiner Heimat noch so ungebrochen stark und lebendig ist wie zu Ursprungszeiten. Auf der Suche nach der Seele des Häusermeeres lässt sich der Protagonist durch die Röhren der U-Bahnen treiben und entdeckt dort den "Himmel unter Berlin" und die letzten Freaks - gewalttätige Hippies. In der Höhle des Bahnhofs Friedrichstraße fraternisiert der respektlose Kerl mit den wahren Professoren des Fachbereichs Urbanität, den Zugführern. Hätte ein Deutscher einen solchen Roman geschrieben, würde man ihm vermutlich vorhalten, bloß einen milden Abklatsch der Trash-Revolte, des finalen Aufbäumens westlicher Undergroundler Mitte der Neunzigerjahre, vorgelegt zu haben. Vom Immigranten Rudis aber hat Berlin den schönsten Roman bekommen, den es verdient hat.

Martin Droschke in FALTER 15/2005



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