Die Blender

Santiago Gamboa, Stefanie Gerhold


Blendende Bluffer

Die Südamerikaner Jorge Edwards und Santiago Gamboa erzählen in ihren Romanen auf köstliche Weise von Betrug und Selbstbetrug.

Schon der kluge Montaigne fand für den Betrug durchaus entschuldigende Worte: "Ich weiß, er hat oft nützliche Dinge geleistet; er ermöglicht die meisten Geschäfte der Menschen und lässt sie sich entwickeln." Von der Bedeutung des Betrugs in der Weltliteratur einmal ganz zu schweigen, spielt er doch in vielen der größten Romane eine der Hauptrollen - sei es nun in Form des Selbstbetrugs von Don Quixote oder des Ehebruchs der Madame Bovary. Was aber ist mit jenen, die betrogen wurden? Oder sich das zumindest einbilden?

Patricio Illanes, der tragikomische Held des ersten übersetzten Romans von Jorge Edwards ist so einer: Der Arzt aus Chile, der in Paris im Exil lebt, verdächtigt seine Frau, eine Affäre mit einem gemeinsamen Freund gehabt zu haben. Nahrung für diese Mutmaßung liefert ein Foto, das der Siebzigjährige in der Hinterlassenschaft des verstorbenen Freundes findet und das Courbets berühmtem Akt "Der Ursprung der Welt" ähnelt. Stand Illanes junge Ehefrau dafür Modell?

Illanes, der seine Geschichte über weite Strecken selbst erzählt, ist wie geblendet vom möglichen Betrug und fragt bei seinen südamerikanischen Freunden nach, um den Verdacht zu erhärten. Doch obwohl die allem Anschein nach von nichts wissen, verstrickt sich der Arzt immer tiefer in seine Eifersucht, ehe die Geschichte zu einem überraschenden Ende kommt: Ein letztes Mal wechselt die Erzählperspektive und die Ehegattin selbst berichtet, ob und was tatsächlich passiert ist.

Mit wechselnden Erzählperspektiven und viel gekonntem Bluff arbeitet auch Santiago Gamboa in seinem dritten ins Deutsche übersetzten Roman. In "Die Blender" verschlägt es drei sehr verschiedene Männer aus weit entfernten Teilen der Welt ziemlich zufällig nach Peking, wo sie nach einem geheimnisvollen Buch suchen; einem verloren gegangenen Manuskript, das beim Boxer-Aufstand 1900 eine wichtige Rolle spielte und auf das sich heute auch die gewaltbereiten Nachfolgesekten der Boxer berufen.

Die Protagonisten sind gut ausgewählt: ein weltfremder Hamburger Sinologieprofessor; ein aus Peru gebürtiger Literaturwissenschaftler mit chinesischen Wurzeln und ein in Paris lebender Journalist aus Kolumbien, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von einem Agenten nach China gelockt wird. Nach und nach kreuzen sich die Wege der drei Männer, ehe sie sich am Ende unter eher ungewöhnlichen Umständen treffen.

Nachdem Gamboa sich in seinen beiden früheren Büchern gekonnt am Genre des Krimis bzw. des Bildungsromans abgearbeitet hat, spielt der vierzigjährige Kolumbianer nun mit Elementen des Agententhrillers, den er um jede Menge literarischer Anspielungen, aber auch sehr viel Komik anreichert: Er stellt seine Helden als mehr oder weniger peinliche, aber auch nicht unsympathische Existenzen dar, die sich mit der Idee betrügen, Schriftsteller zu sein. Und so wird die Suche nach dem exotischen Manuskript für alle drei nicht nur zur Suche nach sich selbst - sondern auch zum selbst erlebten Stoff für einen Bestseller.

Auch der 1930 geborene Chilene Jorge Edwards arbeitet in seinem Kurzroman gekonnt mit literarischen Anspielungen und spart nicht mit Ironie. Vor allem aber verbindet die beiden kurzweiligen Romane, dass die betrogenen und (selbst)betrügerischen Helden mehr über sich und die Welt erfahren, was natürlich auch den Lesern zugute kommt, die darüber hinaus auch mit streckenweise köstlicher Unterhaltung belohnt werden.

Klaus Taschwer in FALTER 14/2005



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