Seelenfraß. Wie Sie den inneren Terror der Angst besiegen

Margot Schmitz, Michael Schmitz


Große Macher, große Hasenfüße

Alle haben Angst vor etwas. Vor Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Naturkatastrophen, Tod. Fernsehsender und Zeitungen berichten gerne ausführlich über Katastrophen aller Art, Bedrohungsszenarien bringen Quote. Und auch die individuellen Ängste der Menschen werden stärker: Statistisch betrachtet leidet jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens unter Angststörungen.

Der Psychologe und Journalist Michael Schmitz hat bemerkt, dass die Welt in den vergangenen Jahren vielen immer bedrohlicher erscheint, dass sich mehr Patienten mit Angststörungen an ihn wenden. Gemeinsam mit seiner Frau, der Psychiaterin und Neurologin Margot Schmitz, hat er "Seelenfraß", ein Sachbuch zum Thema verfasst, das dem Massenphänomen Angst auf den Grund gehen will und sich auch als praktischer Ratgeber für Betroffene versteht. "Dabei ist es uns wichtig, Angst nicht zu denunzieren", erklärt Autor Schmitz, "Angst ist eine natürliche menschliche Reaktion, sie hilft uns, Gefahren zu erkennen, und kann auch die Kreativität und Produktivität fördern." Ungesund wird die Angst dann, wenn sie auswuchert, die Betroffenen lähmt und einschränkt.

"Seelenfraß" bringt interessante Fallgeschichten von Menschen, die lange mit einer unerkannten Angststörung kämpften. Auch von scheinbar Erfolgsverwöhnten, bei denen niemand so etwas vermuten würde: Politikern, Managern, Spitzensportlern, Künstlern. Auch wenn sich Angst durch alle Schichten zieht - "gerade diejenigen, die gesellschaftlich hoch steigen, haben besonders große Angst davor, tief zu fallen", erzählt Michael Schmitz aus seiner Praxis. "Große Macher sind oft große Hasenfüße."

Viele Betroffene finden erst nach einer Odyssee von Arzt zu Arzt zu einem Psychologen oder Psychiater, der ihr Problem richtig diagnostiziert (siehe Geschichte oben). Oft kämpfen sie dann schon mit Depressionen, als Konsequenz der unbehandelten Angststörung. Alkohol, Tabletten, Drogen, alles würden sich diese Menschen einwerfen, um mit ihren Ängsten klarzukommen, bevor sie endlich "einen Irrenarzt" aufsuchen, erklärt Schmitz. Angstcoaching und Angstmanagement, damit arbeitet Schmitz am Psychosomatischen Institut: Zuerst die Ängste und deren Entstehung analysieren und sich dann Leitlinien zurechtlegen, wie man diese Angstsituationen vermeiden beziehungsweise ihnen anders begegnen kann. "Dazu muss man nicht fünf Jahre Analyse machen, bis in die früheste Kindheit zurückgehen" , meint Schmitz. Bei manchen Patienten funktioniere es sogar schnell, nach etwa zehn Sitzungen kämen sie in ihrem Leben mithilfe des eigenen Angstmanagements schon besser zurecht.

Durch die Angst können Menschen ihre letzten Kraftreserven nutzen, meint Psychologe Schmitz, wie etwa ein Sportler kurz vorm Start: "Mit einem geschickten Angstmanagement ist er ein Wellenreiter - und wird nicht von der Welle begraben." Michael Schmitz muss es wissen. Schließlich hat er auch schon seinen Sohn Markus Rogan in Sachen Angst gecoacht.

Julia Ortner in FALTER 14/2005



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