Lob des Fatalismus

Matthias Drobinski


Man muss nicht immer alles im Griff haben

Mit dem Fatalismus ist es so eine Sache, das weiß Matthias Drobinski nur allzu gut. Denn Schicksalsergebenheit hat in der Geschichte viel Schaden angerichtet, indem er Herrschaftsverhältnisse zementierte und Gewalt legitimierte. Aber sein Gegenteil, der Versuch, die Kontrolle über sein Schicksal zu erhalten, richtet in unserer Gesellschaft im Moment ebenfalls beträchtlichen Schaden an.
Drobinski plädiert in seinem „Lob des Fatalismus“ deswegen für einen aufgeklärten, partiellen Fatalismus auf der privaten Ebene, der nichts zu tun hat mit bequemer, zynischer oder depressiver Resignation. „Sein Lied zu singen heißt aber, auf alle zu pfeifen, die einem einreden möchten, man müsse sein Leben immer ganz in der Hand und fest im Griff haben und seines Glückes eigener Schmied sein.“ Denn bekanntlich macht genau das ebenfalls depressiv: jede Sekunde Entscheidungen treffen und sich für seinen Erfolg voll und ganz verantwortlich fühlen zu müssen.
Gegen den Trend der Zeit, gegen Selbstoptimierungswahn und Weltverbesserungspathos wirft Drobinski deswegen seine „gute Portion Fatalismus“ in die Waagschale. Sie löse zwar das Problem nicht. „Aber man kann besser mit ihm leben.“ Drobinski veranschaulicht diesen Gedanken am Beispiel eines fatalistischen Doppelspions in Steven Spielbergs „Bridge of Spies“ (2015), der sich keine Sorgen macht, wenn es nichts nützt, und liefert auch eine kleine philosophische Begriffsgeschichte mit.
Im letzten Kapitel widmet sich der Redakteur der Süddeutschen Zeitung der Affinität des Christentums zum Fatalismus. Von der katholischen Kirche wurde er bekämpft, denn wer für seine Sünden nicht verantwortlich ist, kann auch nicht dazu gebracht werden, sich durch Ablasszahlungen wieder freizukaufen. Aber im Kern des Christentums steht eine klare Parteinahme für Benachteiligte, Gebrochene und Leidende, kurz das Imperfekte.
Ein widerständiges Büchlein, das zu denken gibt und eine entlastende Devise bereithält: Gelassenheit zu üben, Dinge hinzunehmen, die man sowieso nicht ändern kann.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 13/2018




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