Hinterhof plus. Ausgabe Graz

Veronika Stabinger, Peter Umgeher, Georg Schnitzer


Der gelungene Stadtführer "Hinterhof plus" sucht die Stadt hinter der Stadt.

Natürlich könnte man jetzt die Frage stellen, warum es das Generals nicht in die Auswahl des Buches geschafft hat. Obwohl dort, im hinteren Teil des Lokals, neben den Toiletten vier verschlossene Türen kleine Messingschildchen mit der Aufschrift "Privat" tragen. Ganz zu schweigen vom günstigen Bier, das man im Generals - von den dezent platzierten Spielautomaten weitgehend ungestört - trinken kann. Eigentlich ein Fixstarter für eine Publikation, die das Wort Hinterhof im Titel trägt. Aber: In "Hinterhof plus" findet sich kein einziges Wettcafé. Auch kein Kebabimbiss, obwohl Graz inzwischen zu mehr als vierzig Prozent aus Wettcafés und zumindest zu dreißig Prozent aus Kebabimbissen zu bestehen scheint.

Das Konzept für den alternativen Stadtführer war eben ein anderes. "Wir wollten einen Stadtführer machen, der hinter die Kulissen schaut, abseits der Trampelpfade vom Rathaus über den Dom zum Mausoleum", sagt Veronika Stabinger, die gemeinsam mit Peter Umgeher und Georg Schnitzer für Redaktion und Gestaltung verantwortlich zeichnet. Besondere, positiv besetzte Orte in Graz wollte man im Rahmen einer dezidiert subjektiven Auswahl beleuchten. Lokale und Geschäfte, die im Verborgenen liegen, vielleicht immer schon da gewesen oder aber gerade neu entstanden sind und sich durch eine besondere Atmosphäre auszeichnen. Orte, die man als Grazer oft einfach übersieht: "Viele suchen das Neue immer woanders, nur nicht zu Hause", hat Veronika Stabinger beobachtet.

Anders als noch für die erste Ausgabe - die Auflage von 5000 Stück war Ende 2003 in kürzester Zeit ausverkauft - haben die Herausgeber diesmal die Auswahl der Orte einem siebenköpfigen Kuratorenteam überlassen. Herausgekommen ist eine bunte Mischung von Empfehlungen, großzügig - im Druck manchmal eine Spur zu düster - bebildert, schick gesetzt und mit kleinen Feel-good-Texten versehen. Bekannte Orte - die Palette reicht vom Frankowitsch über das Parkhouse bis zur Märchengrottenbahn - stehen da neben wirklichen Liebhabertipps wie den Kegelbahnen Scheff (Elisabethinergasse), dem Schokoparadies Linzbichler (Franziskanerplatz) oder der Fahrrad- und Mopedwerkstätte Kunster (Mondscheingasse). Eine durchaus überraschend, wenngleich etwas monokulturell gefüllte Wundertüte. Als Bonusmaterial gibt's im Hinterhof auch eine "Modestrecke" mit Arbeiten von Franziska Fürnpasz und Manuela Baumgartner sowie eine Reihe meist unterhaltsamer Texte zum Subtitel des Bandes "Bin Ich Grazer". Etwa - gewohnt lustig - von Michi Ostrowski ("bin ik ein grazer?") oder - sehr reif - von Orhan Kipcak ("Wieso Graz"). Kleiner Schönheitsfehler des Projekts: die Druckkostenbeiträge, die von den Geschäften und Lokalen als Gegenleistung für die Aufnahme ins Buch zu entrichten waren. Die Herausgeber sehen das pragmatisch: Anders wäre es sich finanziell nicht ausgegangen.

Mindestens ebenso interessant wie das Buch an sich ist aber auch der zugrunde liegende Prozess des Stadterforschens, dem sich die Autoren unterzogen haben. "Wer anfängt zu suchen, der findet ständig", sagt Peter Umgeher. "Außerdem wird einem die Stadt dadurch selbst sympathischer." Es sind schon schmerzhaftere Therapieformen entwickelt worden. Band drei von "Hinterhof plus" ist für Frühjahr 2006 geplant.

Thomas Wolkinger in FALTER 13/2005



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