Der Marlowe-Code

Leslie Silbert, Klaus Berr


Im Jahr 1593 rivalisieren in London zwei Spionageringe. Der Dichter Christopher Marlowe arbeitet für beide Organisationen als Spitzel. Wer bei "Shakespeare in Love" gut aufgepasst hat, weiß, dass Marlowe im selben Jahr ermordet werden wird. Mehr als 400 Jahre später soll ein jüngst entdecktes Manuskript aus Elisabethanischer Zeit entwendet werden. Gleichzeitig findet man einen Oxfordprofessor ermordet auf. Cidro Medina, Banker, Bonvivant und Besitzer des Manuskripts, vermutet einen Zusammenhang und wendet sich an Kate Morgan - New Yorker Detektivin mit CIA-Kontakten und Diplom in Geschichte der Renaissance. Zufällig muss Morgan irgendjemanden nach Europa verfolgen - warum also nicht schnell in London vorbeischauen, sich von Medina umgarnen lassen und nebenbei ein weiteres Rätsel der Geschichte lösen? Man hat ja sonst nichts zu tun. Aus nahe liegenden Gründen wird "Der Marlowe-Code", das Debüt von Leslie Silbert, mit Dan Browns "Sakrileg" (im Original: "The Da Vinci Code") verglichen: Beide Werke setzen auf große Namen der Geschichte und finstere Geheimoperationen, sind stilistisch eher schlicht und beinhalten genug Absurditäten, um drei andere Wälzer damit aufzufetten. Der Marlowe-Code verschafft keinen literarischen Genuss, bleibt auch spannungsmäßig auf Jerry-Cotton-Niveau und enthält mindestens zwei grobe historische Fehler zu viel.

"Warum hatte man Philipp Bettlach erschossen?" Das ist schon mal eine ganz gute Einstiegsfrage für "Im Sommer sterben", den Debütroman von Michael Theurillat. Ein Motiv hätte zum Beispiel Doris Hottiger, Exgeliebte des ermordeten Bankdirektors. Der Tatverdacht hindert allerdings Kommissär Eschenbachs jungen Assistenten keineswegs, mit Doris eine sehr intime Beziehung zu beginnen, bis diese plötzlich untertaucht. Bettlachs geschiedene Ehefrau hätte auch gute Gründe, allerdings ein noch besseres Alibi, lebt sie doch in Paris. "Im Sommer sterben" ist vielleicht nicht brillant, aber doch sehr fein zu lesen: stilistisch ambitioniert, logisch aufgebaut, wartet mit einem sympathischen Kommissar auf, der viel lacht und raucht. Und die Einstiegsfrage wird auch beantwortet.

Martin Lhotzky in FALTER 13/2005



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