Dr. Sex

T.C. Boyle


Bill Condons Film "Kinsey" und T.C. Boyles Roman "Dr. Sex" befassen sich beide mit dem legendären amerikanischen Sexualforscher Alfred C. Kinsey - mit unterschiedlichem Ergebnis.

Jetzt ist es auch schon bald wieder 57 Jahre her, seitdem Alfred Charles Kinseys bahnbrechende Studie über das "Sexuelle Verhalten des Mannes" und 52 Jahre, seit die Folgestudie über die Frau erschienen ist. Arithmetisch schlichteren Gemütern fällt es schwer, das jäh aufblühende Interesse an Kinsey zu begreifen, das uns nun zeitgleich sowohl einen Roman mit dem schlichten Titel "Dr. Sex" als auch einen Film mit dem noch schlichteren Titel "Kinsey" beschert. Kommt als Ursache also nur noch die "Aktualität" infrage: "Immerhin unterscheidet sich das heutige Amerika nicht sehr von dem Land, in dem Kinsey lebte: Es ist eine Gesellschaft mit repressiven Moralvorstellungen, in der Sex Scham und Schweigen gebiert", kann man dem Leseexemplar von T.C. Boyles jüngstem, insgesamt zehntem Roman "Dr. Sex" entnehmen, den der Hanser-Verlag in einer Startauflage von 100.000 Stück auf den Markt wirft. Mitunter beschleicht einen zwar der Verdacht, dass Sex mittlerweile auch in den USA einiges an schamloser Geschwätzigkeit gebiert, aber natürlich kann man annehmen, dass Kinsey gerade in den bigotten Bush-Zeiten flammende Worte finden würde, müsste er nicht stattdessen im Grabe rotieren.

In "Kinsey" fechten den von Liam Neeson mit authentischer Frisur dargestellten Titelhelden gegen Ende seines Lebens Zweifel am Erfolg seiner Mission an: Als die Rockefeller Foundation dem 1947 gegründeten Institute for Sex Research die Mittel streicht, begibt sich "Prok", wie Professor Kinsey selbst von seiner Ehefrau genannt wird, auf die Suche nach anderen pekuniären Quellen und lässt es im Rahmen eines Diners mit einem potenziellen Geldgeber an jeglicher Dezenz mangeln. Der Supermarktbesitzer denkt allerdings nicht daran, in Sexualforschung zu investieren, und auch an der Universität von Indiana ist die Stimmung mittlerweile gekippt. Schließlich wird dem gesundheitlich gezeichneten rasenden Statistiker doch noch eine Tür aufgetan, durch die ein Licht ins Dunkel allgemeiner Ignoranz dringt: Eine ältere Frau und mehrfache Mutter hätte aus Verzweiflung über ihre spät entdeckten Neigungen fast Selbstmord begangen, lebt aber nun dank der Forschungsarbeit Kinseys seit drei Jahren mit ihrer Geliebten zusammen.

Das ist eine der wenigen Szenen, in denen Regisseur und Drehbuchautor Bill Condon ("Gods and Monsters") die rastlose und dennoch seltsam inhaltsleere Filmerzählung zu einer Pointe, einer "Message" zuspitzt. Ansonsten hechelt "Kinsey" die historischen Fakten und Personenkonstellationen - von der sexuell ziemlich unergiebigen Jugend über den ersten (im Übrigen ehelichen) Geschlechtsverkehr bis zu Kinseys homosexuellen Neigungen und den Affären mit seinen Mitarbeitern; von der Entwicklung der Interviewtechnik über die Recherchen im Homosexuellenmilieu bis zum Einsatz von Filmaufnahmen zur Dokumentation menschlicher Kopulation et cetera - alle brav herunter, ohne seinen zahlreichen Figuren Raum oder Geschichten zu geben, mit denen so interessante Schauspieler wie Laura Linney (als Kinseys Gattin Mac) das Gleichmaß der mit sehr vielen sprechenden Köpfen illustrierten Faktenhuberei aufbrechen hätten können. So bleiben ein paar vielsagende Blicke, ein kleiner Ausbruch von Verzweiflung und physischer Gewalt - oder eine Begegnung mit dem tyrannischen Vater (John Lithgow - im echten Leben nur 13 Jahre älter als Liam Neeson), in der dann all die akkumulierte Lebensverachtung auf medizinisch motivierte Masturbationsunterbindung zurückgeführt wird.

Zwar beharrt T.C. Boyle, der für seinen Roman nicht mehr als drei Monate lang recherchiert haben will, auf die Freiheit der Fiktion; dennoch erinnert sein Protagonist John Milk in vielem dem Kinsey-Assistenten, der im Film Clyde Martin heißt. Wo dieser gegenüber seinem Professor aber die Rolle des Verführers einnimmt, ist der Ich-Erzähler des Romans ein entscheidungsschwaches Weichei, das sich in die Rolle des zur Mündigkeit nach Papas Vorstellung verpflichteten Sohnes manövrieren lässt und brav nachfragt, ob er denn mit Ersatzmama Mac schlafen darf. Zum zunehmenden Missvergnügen von Milks Verlobter und späteren Frau Iris, die eine der wenigen ist, die der Dampfwalze der Aufklärung echten Widerstand entgegensetzt. Prok zwingt Iris zur Aufgabe ihrer romantischen Affäre mit Milks Kollegen Corcoran, will die Nachwuchsfrage für das Ehepaar Milk im Dienste der Wissenschaft klären ("ich bin sicher, dass die Vaterschaft dich auf lange Sicht zu einem noch einfühlsameren Interviewer machen wird") und ihm schließlich auch noch bei der Wahl der Wohnung unter die Arme greifen - wobei die räumliche Nähe zur Arbeitsstätte selbstverständlich oberstes Kriterium ist. Wie aus mütterlichem Trotz bringt Iris ihr Kind um 23.56 Uhr auf die Welt - vier Minuten, bevor es sich dann auch noch den Geburtstag mit Prok teilen müsste.

Dr. Sex" unterscheidet sich von "Kinsey" im groben inhaltlichen Umriss nicht allzu sehr, packt aber Fleisch auf das Skelett der Geschichte vom besessenen Zoologen, der seinen Forschungsschwerpunkt von der Gallwespe auf den Menschen verlagert hat. Im Unterschied zum Film hat "Dr. Sex" echte "Szenen", von denen nicht wenige ins Komische oder Groteske lappen - etwa wenn sich Prok, der Alkohol und Rauchwaren verabscheut, das Trinken und Rauchen antrainiert, um im Kneipenmilieu nicht aufzufallen; wenn er halbnackt die Dekanin und deren Mutter zur Besichtigung seines üppigen Liliengartens nötigt oder wenn Milk bei seiner Forschungstätigkeit immer wieder sehr unprofessionell einen Ständer kriegt.

Vor allem aber hat "Dr. Sex" - und das ist der auffälligste Unterschied zwischen Film und Roman - eine Erzählperspektive; eine Perspektive, die den Blick auf ein im Schatten der Heldengeschichte hin holperndes Leben eröffnet. So wie die von Kinsey erhobenen Statistiken ergeben, dass Masturbation, Analverkehr, Homosexualität oder außerehelicher Geschlechtsverkehr ganz normal sind, so ist es auch ganz normal, dass die eigene Biografie mit dem Tempo des verordneten Aufbruchs zum neuen Menschen nicht Schritt hält. Und irgendwie ist man dann vielleicht sogar ganz froh, dass die Milks gegenüber den Kinseys doch in der Überzahl sind.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2005



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