Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft

Wolfgang Engler


Arbeit ist nicht alles: Der Kultursoziologe Wolfgang Engler fordert in seinem neuen Buch "ein Bürgergeld als Menschenrecht" - damit der Mensch nicht zum Bittsteller degradiert wird, wenn es für ihn nicht läuft.

Der Materialist, dessen Nachfahre der Soziologe ist, hat bekanntlich eine Abwehr gegen Flausen im Kopf. Für ihn wird die Welt nicht durch Gedanken bewegt, sondern durch die Entwicklung der materiellen Produktion. Aber doch spielt Bewusstsein für ihn eine Rolle. Bisweilen halten die sozialen und politischen Fantasien nicht Schritt mit der Veränderung der Ökonomie, der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Hätten Gehirne Beine, man könnte sagen: Sie hinken bisweilen ihrer Zeit hinterher. Dann ist es Sache des Soziologen in seiner Rolle als Gesellschaftskritiker, den Köpfen auf die Sprünge zu helfen. "Der Umsturz der vom Staat sanktionierten Wirtschaftsgesellschaft beginnt im Kopf", formuliert Wolfgang Engler in seiner neuen Studie "Bürger, ohne Arbeit", die ein Plädoyer "für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft" sein will. Bürgerrechte, Selbstwertgefühl, soziale Anerkennung hängen an lohnförmig verrichteter Arbeit. Je reicher unsere Gesellschaften, umso mehr Menschen wird der Zugang zur Mitte des Gemeinwesens verwehrt. Dies ist kein Resultat des Mangels, sondern Resultat des Reichtums unter Bedingungen des Globalismus. Was läge näher, als das "gute Leben" von Arbeit zu entkoppeln? Um diese Petitesse geht es Engler.

Engler, 53, Kultursoziologe am Ernst-Busch-Regieinstitut in Ostberlin, war nach der Vereinigung bald das, was man einen Geheimtipp nennt. Schnell machte er sich mit seinen beiden Studien über den Staatssozialismus - "Die zivilisatorische Lücke" (1992) und "Die ungewollte Moderne" (1995) - einen Namen, danach legte er die vielgepriesene Mentalitätsgeschichte "Die Ostdeutschen" vor. Heute gehört der luzide, originelle Denker, wie die Zeit erstaunt feststellte, zu der seltsamen Spezies ostdeutscher Intellektueller, die gar nicht deprimiert durchs Leben gehen und doch "die Krise des Kapitalismus und die Spaltung der Gesellschaft" analysieren. "Wir leben in einer Zeit des Übergangs, der kulturellen Doppelherrschaft", schreibt er nun.

Auf den ersten hundert Seiten analysiert Engler Arbeit als historisches und somit vergängliches Konzept. Bei den Griechen war Bürger, wer nicht arbeitete. Es war ein weiter Weg bis heute, wo Bürger nur der ist, der arbeitet. Und aus dieser Perspektive ist unbestreitbar: Lohnarbeit für (fast) alle gab es nur einen kleinen historischen Moment lang. In der Antike gehörten die, die arbeiteten, "nicht dazu", heute gehören die, die nicht arbeiten, "nicht dazu". Arbeit ist oft scheußlich, keine Arbeit zu haben, ist noch scheußlicher. Damit haben sich im 19. Jahrhundert Kohorten von Denkern herumgeschlagen, nicht nur Marx: Befreiung durch Arbeit, Befreiung in der Arbeit, Befreiung von der Arbeit. Arbeit ist Mühe, und sie von diesem Makel zu befreien, ist vielfach, letztlich ohne Erfolg, versucht worden. Ist sie es nicht, pflegt betont zu werden, dass sie eben keine eigentliche Arbeit ist. Es brauchte die puritanische Werkeltagsromantik, um den paradoxen Sprung zu vollziehen, in der Mühe die eigentliche Freude zu erkennen, wie es im Max-Weber-Wort von der "innerweltlichen Askese" anklingt. Befreiung von der Arbeit versandet nicht selten in seichtem Zeitvertreib und schafft gerade nicht die Aushöhlung des modernen Arbeitsglaubens. Die Konsequenzen der Nichtarbeit menschlich erträglich zu machen, daran sind die modernen Gesellschaften bis heute gescheitert.

Und das ist nicht nur eine Geldfrage. "Snobismus", "purer Hohn", faucht Engler, sei die Vorstellung neunmalkluger (Neo-)Liberaler, der Arbeitslose vermisse nicht die Arbeit, sondern nur deren Entlohnung; ein Dünkel, den die "glücklichen Arbeitslosen" nur provokativ in sein paradoxes Gegenteil verkehren. Erwerbsarbeit bettet die Menschen ein, knüpft ein soziales Netz, ist der "Inbegriff des In-der-Welt-Seins". Der Postfordismus befreite, da ist Engler Realist, viele in der Arbeit, befreite vom Trott, aber auch diese "Befreiung" ist kapitalistisch eingefärbt, und nicht wenige "befreite" er von auskömmlicher Arbeit und bugsierte er aus den gesellschaftlichen Kreisen hinaus. Die einen dürfen nicht mittun, die anderen haben nie richtig frei.

Die Antwort für Engler: das Bürgergeld. Die Entkoppelung von Identität und Erwerbsarbeit. Nach der Emanzipation des Arbeiters zum Bürger nun der zweite Schritt: die Emanzipation des Bürgers von der Arbeit und der Tätigkeit vom Erwerb. "Bürgergeld als Menschenrecht" erkennt den Menschen an, unabhängig von seiner Stelle, demütigt ihn nicht als Bittsteller, wenn es für ihn nicht läuft. Und ist auch noch ökonomisch vernünftig im Sinne des Gesamtsystems, sichert es doch die Nachfrage, um die der einzelne Kapitalist sich nicht zu kümmern hat, der Kapitalismus aber schon.

Engler macht es seinen Lesern nicht leicht, er serviert schwere Kost. Englers Studie ist keine dieser zeitgemäßen kühlen, analytischen Abhandlungen, sondern eine Streitschrift zur gesellschaftlichen Verbesserung, fast im Stil des vorvergangenen Jahrhunderts. Aber was die Lektüre erschwert, macht auch ihren Gewinn aus. Engler fragt nicht, wie kommen wir im politischen Prozess zum Bürgergeld. Das ist so einfach wie spazieren gehen: Man bräuchte es nur einführen. Wenn's nur klick machte in den Köpfen. An die will Engler ran. Schließlich weiß der historische Materialist: Es kommt drauf an, die Interpretation von Wirklichkeit zu verändern.

Robert Misik in FALTER 12/2005



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