Die Balkanroute. Fluch und Segen der Jahrtausende

Najem Wali


„Der Mensch ist ein Bewegungsgeschöpf“

MIGRATION
Vier neue Bücher beschäftigen sich mit einem hochaktuellen Menschheitsthema. Najem Wali und Emmanuel Carrère begeben sich an die Orte der jüngsten Migrationswelle, zu den Flüchtlingscamps, Philipp Ther und David Miller befassen sich mit der Geschichte und politischen Theorie der Auswanderung

Ein Anruf einer Schwester, die mit ihren Kindern im Irak lebt, war der Auslöser von Najem Walis letztem Buch „Im Kopf des Terrors“ (2016). Auch sein neues Buch „Die Balkanroute“ hat mit einer seiner fünf Schwestern zu tun. Ihr Name lautet Nawal, und sie trat im Jahr 2002 die Flucht aus dem Irak an und gelangte über die Balkanroute nach Deutschland.
Der 1956 im irakischen Basra geborene Autor zahlreicher Romane, der 1980 vor dem Irak-Iran-Krieg nach Deutschland desertierte, hatte sich schon länger vorgenommen, dieselbe Reise zu unternehmen, nur in umgekehrter Richtung. Dass er dabei die Strapazen, das Leid und die Angst jener Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen, nicht nachvollziehen werden könne, war ihm schmerzlich bewusst.

Austausch und Vertreibung
Im Frühling 2016 ließ sich diese Idee nicht länger aufschieben, denn Wali hatte nach monatelanger Berichterstattung über das Leid auf dem Meer und in den Grenzlagern das Gefühl, das alles mit eigenen Augen sehen zu müssen. Und er misstraute den Informationen von Politikern genauso wie jenen der „Experten für die Verwaltung des Elends“. Bevor er darüber berichtet, unternimmt er einen Ausflug in die Geschichte der Balkanroute, seit Jahrtausenden „Schauplatz von bereicherndem Austausch und beraubender Vertreibung“. „Wer sich auf ihr bewegt“, insistiert Wali, „wird automatisch begleitet von früheren, vergangenen und nachwirkenden Flucht- und Migrationswellen.“
Wali beginnt seine Rekapitulation mit der Ausreise des gemeinsamen Stammvaters von Juden, Christen und Moslems Abraham bzw. Ibrahim aus Ur (im heutigen Irak), den Versprechen seines Gottes nach einem besseren Leben folgend. Abraham gibt dabei auch ein frühes Beispiel von Integrationsverweigerung ab, wenn er für seinen Sohn Isaak eine Frau aus der alten Heimat holen lässt. Das babylonischen „Gilgamesch-Epos“, die „Odyssee“ – alles Geschichten von Auswanderern. Und die Herrscher der Antike, von Hammurabi bis zur Siedlungspolitik der ionischen Stadt Milet, wussten mit Vertreibung und Annexionen Politik zu machen.
„Alles fließt“ – die These des ionischen Philosophen Heraklit, meint Wali, zeuge davon. Eindrucksvoll schildert er die Reisen Ibn Batuttas, John Dos Passos’ und Hans Christian Andersens auf der heute berüchtigten „Balkanroute“.

Bewegung im Kopf
Es war zumeist die Ober- und Mittelschicht, die auswanderte auf der Suche nach einem besseren Leben, denn sie hatte immer schon das Kapital und den Kopf dazu. Und das sei auch heute nicht anders, bekräftigt Wali. Der Mensch sei ein „Bewegungsgeschöpf“, ein „Perpetuum mobile“, schließt er daraus, „das immer auf die Zukunft ausgerichtet ist und dessen Bestreben stets dem nächsten Ziel gilt, da das Gefühl von Zufriedenheit oder der Vollendung eines Vorhabens äußerst relativ und sehr individuell erscheint. Bei dem Weisen gilt es dem Hier und Jetzt, während das Trachten des Ehrgeizigen auf alles gerichtet ist, was bisher noch nicht verwirklicht wurde.“
Dazu passt die Geschichte von Alexander dem Großen, der sich erst nach der Eroberung der ganzen Welt zur Ruhe setzen wollte. Die Motive der Kreuzfahrer vergleicht Wali mit denen heutiger Jugendlicher, „die sich aus den europäischen Metropolen nach Osten aufmachen, um gegen die vermeintlichen Kreuzfahrer zu kämpfen“.
Im letzten Teil reist Wali ins Lager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze, um sich als Übersetzer zu verdingen, hört Fluchtgeschichten und besucht das Camp der „Wohlstandskinder“ der gemeinnützigen Organisationen, reflektiert über den Zusammenhang von Gewalt und Waffenlieferungen. Von Lesbos aus unternimmt er einen Ausflug in die Geschichte der Türkei, deren Staatsgründer Atatürk den Laizismus einführte, aber Nationalität an Religionszugehörigkeit zu knüpfen versuchte.
Nüchtern und behutsam betrachtet er dabei menschheitsgeschichtliche Konstanten der Auswanderung, in ihr verborgene Chancen, aber auch die Verwerfungen, die daraus entstanden sind und entstehen – eine so persönliche wie erhellende Kontextualisierung der derzeit heißesten gesellschaftlichen Debatte.

Promigranten und Antimigranten
Die Romane Emmanuel Carrères oszillieren zwischen Erzählung und Reportage, und sogar in historischen Spurensuchen ist er als Person immer anwesend – zuletzt in seiner Geschichte des Frühchristentums „Das Reich Gottes“ (2016), in der er eine eigene Phase der Bekehrung thematisierte.
In seinem neuen Buch „Brief an eine Zoowärterin in Calais“ bricht das Mitglied der intellektuellen Bourgeoisie von Paris auf nach Calais, wie viele Journalisten, Filmemacher und Künstler aus ganz Europa, „die kommen, um über das Elend der Flüchtlinge zu berichten“. In der Hoffnung, es anders machen zu können als die anderen, schwört er sich, in der Stadt zu bleiben und nicht in den „Dschungel“ zu fahren, wie das provisorische Camp genannt wird, in dem zeitweise bis zu 9000 Migranten lebten. Die Fragwürdigkeit seiner Mission illustriert Carrère in einem Brief einer anonymen jungen Frau, der am ersten Morgen an der Rezeption seiner Unterkunft abgegeben wird.
„Wir haben die Nase voll von diesen Promis, entschuldigen Sie bitte den Ausdruck, die hier in Calais ihre Schäfchen ins Trockene bringen und uns, die wir in seinen Mauern eingeschlossen sind, als Laborratten betrachten. (…) Calais ist zu einem Zoo geworden, und ich bin eine der Kassenfrauen in diesem Zoo.“
Ob der Brief fiktiv ist oder nicht, lässt Carrère offen, klar ist, dass die darin enthaltenen Vorwürfe und Argumente ihm unter die Haut gehen und während seiner Recherchen nicht mehr loslassen – und er eine Art inneren Gerichtshof initiiert, bei dem er den Ankläger spielt und der Beschuldigte, also Carrère selbst, sich in moralische Dilemmata verstrickt. Als ein solches empfindet er etwa die ständige Notwendigkeit, sich als „promigrantisch“ oder „antimigrantisch“ positionieren zu müssen, zwei Unwörter, weil niemand für die Existenz von tausenden Notleidenden im „größten Slum Europas“ vor der Tür von 70.000 Einwohnern sein kann, und auch niemand gegen sie bzw. für deren Abschiebung „nach Hause“.
Carrère sammelt Wortprotokolle in Bistros und auf der Straße, spricht mit den Arbeitslosen (von ehemals 100 Fabriken einer florierenden Spitzenindustrie sind nur noch vier übrig), Alkoholikern, Front-national-Wählern, deren Wut und Ressentiments er nicht gutheißen, aber nachvollziehen kann. Das Lager in Calais ist – so wie das in Idomeni – mittlerweile geräumt, die Fragen, die Carrères Buch aufwirft, harren immer noch der Beantwortung. Die Unmöglichkeit von einfachen Antworten kann wohl als so etwas wie eine Botschaft des Buches gelten, dem es gelingt, sowohl die bedrohliche Atmosphäre in der Hafenstadt als auch die Lächerlichkeit seiner eigenen Unternehmung begreifbar zu machen, in zwei Wochen etwas verstehen zu wollen, wofür es womöglich keine für alle befriedigende Lösung gibt. Oder zumindest einen einzigen guten Menschen zu treffen – was ihm am Ende womöglich sogar gelungen ist.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2017

Eine Geschichte der Flucht
Der Auszug aus Ägypten, das babylonische Exil oder Josef und Maria, die vor den Häschern des Herodes fliehen: Wer die Geschichte der Flucht schreibt, kann weit zurückgehen in der Menschheitsgeschichte. Das tut zumindest Philipp Ther, der mit „Die Außenseiter“ eine spannende Geschichte der Flucht in Europa verfasst hat. Ther, der am Institut für osteuropäische Geschichte der Universität Wien forscht, erzählt nicht nur, sondern beleuchtet auch die Gründe, wieso Menschen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Sein Buch gliedert sich nach ihren Motiven: Flucht aus religiösen Gründen, wie es etwa auf die Hugenotten zutrifft, aber auch auf die Moslems und sephardischen Juden, die nach der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel zur Flucht gezwungen wurden. Damals ging die Flucht noch in die entgegengesetzte Richtung, von Europa nach Marokko oder auch ins Osmanische Reich.
Doch egal, welche Epoche man betrachtet, eines scheint sich nie zu ändern: „Die Flüchtlinge führen eine Existenz wie Füchse, sie leben in Zelten, Holzbaracken, Schuppen, unter Zweigen, auf Rasenflächen oder sogar Höhlen“, stand in Foreign Affairs über jene armseligen Geflüchteten, die auf der Balkanroute festhingen – allerdings nicht 2015, sondern 1923.
Damals waren etwa sieben Millionen Menschen in Europa auf der Flucht, vor der Revolution in Russland, vor dem türkisch-griechischen Krieg und vor anderen Kriegen und lokalen Konflikten. Wobei hier spannend ist, dass die zweite, republikanische Verfassung Frankreichs vom Juni 1793 noch ausdrücklich festschrieb, „alle politisch Verfolgten aus Europa sollten in Frankreich – dem Hort der Freiheit und Demokratie – Zuflucht finden“. Allerdings wurde noch im selben Jahr ein Dekret erlassen, nach dem Flüchtlinge, die unter dem Verdacht der Unterstützung einer Konterrevolution standen, ausgewiesen wurden.

Diskurs- und Projektionsobjekt
Später war es der Nationalismus, der Fluchtbewegungen in Europa auslöste. Doch egal, welche Epoche, beim Lesen entsteht der Eindruck, dass die Flüchtlingsdebatten, die es heute in Europa gibt und die einen derart großen Einfluss auf Wahlergebnisse haben, seit Jahrhunderten in einer Endlosschleife den Kontinent dominieren. Sogenannte „Ankerkinder“ gab es schon in früheren Zeiten. Etwa bei der vermögenden Familie Robillard de Champagne, die 1787 aus Frankreich fliehen musste und zuerst die 17-jährige Tochter mit drei Schwestern und zwei Brüdern vorschickte – eine Geschichte, wie wir sie heute von zahlreichen Familien aus Syrien oder Afghanistan kennen.
Über die Zeit des Ersten Weltkriegs schreibt Ther: „Flüchtlinge wurden in den Jahren nach 1914 zu einem stehenden Begriff, zu einem Diskursobjekt und zu einer Projektionsfläche. Dabei schwankten die Einstellungen wie heute zwischen Solidarität und Ablehnung gegenüber diesen ,Mitessern‘, die in einer Situation akuter Not ankamen und diese noch verschärften.“
Ther ist es gelungen, ein schwieriges Thema spannend aufzubereiten und anhand zahlreicher Beispiele begreifbar zu machen, dass die Flüchtlingsbewegungen, unter denen Europa seit zwei Jahren stöhnt, weder etwas Neues sind, noch etwas, was nicht zu bewältigen wäre.

Nina Horaczek in FALTER 41/2017

Philosophie der Einwanderung
Die Flüchtlingsbewegungen in Europa und weltweit sind ausführlich beschrieben und diskutiert worden, unter moralischen, politischen und sozioökonomischen Gesichtspunkten. Die sich daraus ergebenden Lösungsansätze sind entweder idealistisch aufgeladen und deshalb oft unpraktikabel, oder sie leiden unter einer gewissen pragmatischen Schnoddrigkeit, die eine ethische Unterzuckerung auslösen kann.
Der britische Philosoph David Miller schließt diese Lücke mit einer politischen Philosophie der Einwanderung. Das Buch zielt keineswegs, wie man vermuten könnte, primär auf die jüngste Migrationsbewegung seit 2015 ab. Dieser widmet sich Miller in einem kurzen Nachtrag, der seine vorher mühsam entwickelte Philosophie wieder infrage zu stellen scheint.
Miller untersucht zunächst ausführlich die Implikationen und Dilemmata der radikalen und subjektiven Sichtweisen eines Kosmopolitismus, der jede Wanderungsbewegung für ein legitimes Menschenrecht hält, und eines rigiden Nationalismus, der seine Staatsgrenzen geschlossen halten und seine Bevölkerung nicht mischen will. Daraus entwickelt er vier Leitwerte: den eines schwachen moralischen Kosmopolitismus, der Einwanderer zunächst als menschliche Wesen und nicht als Sozialkonkurrenten oder kulturelle Bedrohung betrachtet – aber der auch kein Recht auf Einwanderung vorsieht. Denn der zweite Wert ist die nationale Selbstbestimmung, also das Recht des Staates auf seinem definierten Raum, die Zukunft für seine Bevölkerung gestalten zu dürfen – inklusive dem Recht, die Zusammensetzung seiner Bevölkerung prinzipiell selbst bestimmen zu können.
Dass diese beiden Werte in enormer Spannung zueinander stehen, ist offensichtlich. Deshalb fordert er als dritten Wert einen fairen Ausgleich zwischen den Interessen von einheimischer Bevölkerung und Migranten mit dem Ziel einer integrierten Gesellschaft als viertem Leitwert, die von den Migranten insbesondere in ihren religiösen Gewohnheiten auch eine kulturelle Integration abverlangen kann.
Konkret: Der muslimische Vater kann darauf bestehen, dass seine Tochter sittsam gekleidet mit Kopftuch in die Schule geht, muss aber das Kreuz im Klassenzimmer akzeptieren.
Aber wen soll, wen muss man nun aufnehmen, wen nicht? Miller unterscheidet zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten. Die aufnehmenden Staaten haben das Recht, diese beiden Gruppen unterschiedlich zu behandeln. Sie dürfen auch Obergrenzen definieren.
Dieses Recht wird allerdings wieder infrage gestellt, wenn Miller im schon erwähnten Annex über die europäische Migrationsbewegung eine dritte Kategorie nachliefert: den Überlebensmigranten, der aus unhaltbaren oder hoffnungslosen Zuständen in eigentlich sicheren Flüchtlingslagern flieht. Oder aus Gegenden, die von Terroristen bedroht sind und wo kein ausreichender staatlicher Schutz zu erwarten ist. Das wäre quasi Flucht vor dem Staatsversagen.

Für eine integrierte Gesellschaft
Wie soll man mit diesen Menschen umgehen? Auf der Basis seiner Philosophie wird Miller jetzt konkret: Baut Industrieanlagen in der Nähe von Flüchtlingslagern, fordert er, finanziert Aufbauprogramme für die kriegszerstörten Staaten. Und behandelt die Mittelmeerflüchtlinge nach dem Vorbild Australiens: Der EU-Grenzschutz soll dafür sorgen, dass die gesicherten Schlepperboote nicht nach Europa gelangen, sondern wieder nach Afrika zurückgebracht werden.
Eine integrierte Gesellschaft in Europa kann nach seiner Vorstellung offenbar nur mit einer handverlesenen Anzahl von Migranten funktionieren. Multikulti auf Sparflamme also. Das werden die Freunde einer restriktiven Flüchtlingspolitik gerne hören. Dennoch ist Millers politische Philosophie der Einwanderung zu komplex, um als billige Blaupause für ein xenophobes Regierungsprogramm missbraucht werden zu können.

Claus Heinrich in FALTER 41/2017



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