Hinter dem Horizont. Eine Geschichte der Weltbilder

Ernst Peter Fischer


Wo unsere Sinneswahrnehmungen aufhören

Ideengeschichte: Ernst Peter Fischer zeigt, wie sich unsere Weltbilder im Laufe der Geschichte verändert haben

Zu welchem Zwecke Geschichte gelernt werden soll, das erklärt Ernst Peter Fischer in „Hinter dem Horizont. Eine Geschichte der Weltbilder“. Der habilitierte Wissenschaftshistoriker und Autor zahlreicher Bücher hinterfragt und vergleicht dabei Bilder, die sich unsere Altvorderen von der Welt gemacht haben, und sucht Anknüpfungspunkte an unsere derzeitiges Wahrnehmung.
Ernst Peter Fischer, 1947 im deutschen Wuppertal geboren, kommt ursprünglich aus der Naturwissenschaft, er hat Mathematik, Physik und Biologie studiert. Das kommt ihm bei der Erkundung von Weltbildern entgegen.

Wie sähe die Welt aus ohne die großen antiken Geister? Ohne Kopernikus und Kepler, Charles Darwin und Albert Einstein? Sie waren Menschen, die dorthin schauten, wo unsere Sinneswahrnehmungen aufhören: hinter den Horizont, wo seit jeher eine geheimnisvolle Welt vermutet wird. Fischer eröffnet seine lehrreiche Lektüre mit dem Philosophen Martin Heidegger: „Was ist das – ein Weltbild? Offenbar ein Bild von der Welt. Aber was heißt hier Welt? Was meint da Bild? Welt steht hier als Benennung des Seienden im Ganzen. Der Name ist nicht eingeschränkt auf den Kosmos, die Natur. Zur Welt gehört auch die Geschichte.“
Abenteurer und Denker, Künstler und Wissenschaftler erschufen durch ihre Pioniertaten Bilder, die die Welt in ihrer jeweiligen Zeit spiegelten und prägten. Ihre Darstellung hat der Autor thematisch eingeteilt. Viel Platz nimmt naturgemäß das Weltbild der Physik ein, das unzählige Umbrüche erfahren hat – und im 20. Jahrhundert mit der Entdeckung von Atomen und Genen sowie der Allgemeinen Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik Revolutionen anzubieten hatte.
Ein weiteres Kapitel zeigt den Weg zu Sichtweisen, die uns Kartografen schenkten. Aus der Zeit zwischen 700 und 500 v. Chr. stammt die erste, die babylonische Weltkarte. Lange überlebte die Vorstellung der Erde als Scheibe, in der Antike gab es schon Versuche, ihre Kugelform zu unterstreichen. Die Aufnahme des runden blauen Planeten aus dem Weltall durch die Besatzung der Apollo-17-Mission im Jahr 1972 sorgt heute noch für Staunen.

„Zu den meisten Horizonterfahrungen gehört ein Blick über das Meer, das mit seiner Tiefe lockt, während die Augen zugleich in die Ferne schweifen“, schreibt Fischer über die Seefahrer und Entdeckungsreisenden, die zur Zeit der europäischen Expansion wesentliche Erkenntnisse zum Verständnis der Welt lieferten. Seine Analyse der Weltbilder in unterschiedlichen Kulturen kommt schließlich zu dem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem der Mensch bemerkt, keine herausragende Stellung einzunehmen.
Im langen 19. Jahrhundert, als sich die modernen Lebensformen manifestierten, kam es zur „Entzauberung“: „Mit dem Rückzug Gottes wird die Kontingenz, also das Mögliche, das aber nicht notwendig passiert, zu einem Thema der Weltdeutung und damit der dazugehörigen Weltbilder.“ Das evolutio­näre Bild der Welt ist untrennbar mit dem Leben und Wirken Darwins verbunden.

Was der Mensch ist, wird aus philosophischer, christlicher und biologischer Sicht beantwortet. Behände spaziert Fischer durch die wissenschaftlichen Disziplinen und gelangt gegen Ende zur Erklärung der ­Menschenrechte – ein Weltbild, das mitnichten in allen Ländern selbstverständlich ist.
In Zeiten von Verschwörungstheoretikern und Evolutionsgegnern, „alternativen Fakten“ und religiösem Fanatismus geraten Weltbilder, und sind sie noch so oft belegt, in Gefahr. Fischers Buch ist auch ein Plädoyer für die Wissenschaft. Bei der Besprechung der Weltbilder des digitalen Zeitalters, die uns die Programmierer schenken, scheint freilich Kulturpessimismus durch: Der Blick der Menschen könne sich von den Smartphones nicht mehr lösen.
Die technischen und medialen Rahmenbedingungen sind aber nicht das Problem. Es sind die Inhalte, die Bildung, an der kein Weg vorbeiführt. Also: Lest in der Geschichte!

Sebastian Gilli in FALTER 41/2017




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